Presseberichte

NEUE
Vorarlberger Tageszeitung

vom Dienstag,
17. Okt. 2017

„Immortal Bach“ in der Kirche St. Karl

Bei den 27. Chor- und Orgeltagen in Hohenems gab es am Wochenende einiges zu hören.

Von Katharina von Glasenapp

Zum dritten Mal bereits war das EsembleCantissimo unter seinem Gründer und Leiter Markus Utz zu Gast bei den Hohenemser Chor- und Orgeltagen in der Pfarrkirche St. Karl. Nach zwei Orgelkonzerten von Johannes Hämmerle am Freitag sowie Helmut Binder gemeinsam mit dem Hornisten Lukas Rüdisser am Samstag stellte der Chor abschließend Johann Sebastian Bach in den Mittelpunkt seines Programms „Immortal Bach“. Eine interessante klangliche Erweiterung erlebte das Publikum durch die Mitglieder des Raschèr Saxophone Quartetts.

Altes und Neues. Vor zehn Jahren hatten die geschulten und rein intonierenden Stimmen des Projektchors, dessen Mitglieder aus Süddeutschland und der Schweiz kommen, schon einmal die doppelchörigen Motetten von Bach aufs Programm gesetzt. Nun überließen sie in der schwingend bewegten Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ dem Saxophonquartett die Gestaltung des zweiten Chors. Das funktioniert überraschend gut, zumal die Saxofonistin und ihre drei Kollegen, die die Tradition der Ursprungsbesetzung weitertragen, schlank und sprechend artikulieren. Doch bringt es die hallige Kirchenakustik mit sich, dass die Sänger zum Teil von den Bläsern überdeckt oder dominiert werden. Alt und neu verbanden sich auf interessante Weise in den „War-Dreams“ von Zachary Wadsworth, dessen vielschichtige Cluster und Reibungen gleichsam von den fließenden, tröstenden Klängen einer Motette des Renaissancekomponisten William Byrd aufgehoben werden. Schön wäre es hier gewesen, einen Text bei der Hand zu haben.

Alt und neu begegneten sich auch in den solistischen Beiträgen des Saxophonquartetts: „Abschied“ von Krzysztof Penderecki ist ursprünglich für Klarinette und Streicher und wurde von einem früheren Mitglied der „Raschèrs“ bearbeitet. Intensive, dichte Klänge, Chromatik und klagende Töne wirken zusammen, werden gesteigert, aufgelöst und neu verbunden. Wie modern, komplex und rätselhaft Bachs Musik an sich und in ihrer Wirkung auf zeitgenössische Komponisten ist, erlebt man einerseits mit einer geführten chorischen Improvisation über die erste Choralzeile von „Komm, süßer Tod“, in der das Publikum in den Raumklang und die schwebenden Klänge der Chorensembles eintauchen konnte. Mit großem Atem und plastischer Gestaltung formten die Bläser einen Satz aus Bachs „Kunst der Fuge“.

Bevor sich Bläser und Chor mit der Bitte um Frieden aus der h-Moll-Messe erneut in eindringlichen Linien vereinigten, zeigten die Sänger mit fünf Spirituals aus Michael Tippetts „A childofour time“ ihre Flexibilität und Klangfülle. Für eine gute Stunde konnten sich die Zuhörer von der ebenso harmonischen wie aufrüttelnden Musik gefangen nehmen lassen und dankten mit anhaltendem Applaus.

Vorarlberger
Nachrichten

vom Montag,
16. Okt. 2017

Trotz Tücken klar ausgeführte Dialoge

Horn und Orgel bildeten ein seltenes Festivalgespann
von Fritz Jurmann

HOHENEMSPeter Amann und Christoph Wallmann, die beiden Kuratoren der Chor- und Orgeltage, sind auch bei strenger Wahrung ihrer 27-jährigen Tradition immer noch für Überraschungen gut. Bei der jüngsten Ausgabe ihres kleinen Festivals am zweiten Oktober-Wochenende präsentierten sie beim Konzert unter dem Motto „Orgel plus“ erstmals die selten anzutreffende Kombination von Horn und Orgel. Mit Lukas Rüdisser und Helmut Binder waren für diesen Bereich auch zwei kompetente Musiker am Werk, die den Abend zum Erfolg machten.
Rüdisser (33) kennt man zwar als Mitglied im Horn-Register des SOV, solistisch war er bis jetzt im Land eine unbekannte Größe. Das hängt damit zusammen, dass der vielfach bei Wettbewerben ausgezeichnete gebürtige Bregenzer seinen Lebensmittelpunkt nach München verlegt hat, wo er nach der Ausbildung am Landeskonservatorium Feldkirch bei verschiedenen Ensembles kammermusikalisch und solistisch tätig ist. Binder (56) ist seit 2010 Professor für Orgel am Konservatorium, hat internationale Verpflichtungen und ist seit Urzeiten eine feste Größe in der Szene des Landes.

Markanter Schlusspunkt

St. Karl in Hohenems hat einen mächtigen Kathedralhall, der nicht ohne Tücken ist. Binder sollte den Umgang damit eigentlich gewohnt sein. Dennoch braucht es eine Zeit der Eingewöhnung, bis er sich solistisch und im Zusammenspiel mit dem Hornisten diesen ungewöhnlichen äußeren Umständen angepasst hat. So klingen die beiden Orgelwerke von Bach, ein Konzert und das Trio über „Allein Gott in der Höh´sei Ehr“ und eine Sonate von Vivaldi für Horn auch durch teils überzogene Tempowahl unter diesen Bedingungen etwas überhastet und unscharf. Erst ein Adagio und ein Allegro aus einer Sonate von Händel bringen die Erlösung in einer ruhigeren, entspannten Darbietungsweise. Die klanglich fein abgestimmten, klar ausgeführten Dialoge zwischen den beiden „Blasinstrumenten“ machen nun ohne Einschränkung auch beim Zuhörer Eindruck. Das Horn ist ja traditionell das bevorzugte Instrument der Romantik, und so widmet Lukas Rüdisser auch seine beiden letzten Werke dieser Epoche. In einem „Gebet“ von Bernhard Müller und einem Stück aus Mendelssohns Oratorium „Elias“ entfaltet er wunderbar sanglich seinen vollen, runden Ton, mit sicherem Ansatz und ohne den kleinsten der bei diesem Instrument besonders gefürchteten Kiekser. Helmut Binder erweist sich dazwischen als überlegener Meister auch der prächtigen Hohenemser Gollini-Orgel. In der zupackend gespielten „Toccata Mauritiana“ und den in weichen Stimmen ausgedeuteten Meditationen über Mozarts „Ave verum“ erweist er seinem Lehrer Peter Planyavsky alle Ehre und setzt technisch überlegen mit der mächtig aufrauschenden, stark chromatisch angereicherten Toccata von Rheinberger einen markanten Schlusspunkt.

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
18. Okt. 2016

Klänge jenseits aller gängigen Vorstellungen

Der „Chorus sine nomine“ beweist, wie gut Brahms-Motetten und Gospels harmonieren.

HOHENEMS. (ju) Noch niemals in der 25-jährigen Geschichte der Chor- und Orgeltage wurde ein Chor dreimal eingeladen. Der Wiener „Chorus sine nomine“ („Chor ohne Namen“), mit dem man seit seinen großartigen Auftritten 2003 und 2005 freundschaftlich verbunden ist, revanchierte sich für diese Ehre am Sonntag vor einer gewaltigen und begeisterten Zuhörerkulisse in der Kirche St. Karl mit einem Konzert, das neben höchster Qualität auch enormen Mut in der Programmgestaltung zeigte.
Das muss sich erst einmal jemand trauen, zwei so gegensätzliche Elemente wie Brahms-Motetten und afro-amerikanische Gospels miteinander zu verflechten wie Johannes Hiemetsberger, der den heutigen Spitzenchor vor 25 Jahren gründete. Doch eigentlich wurde damit nur das Konzept des Vorabends fortgesetzt, der Dialog zwischen christlicher und jüdischer Kultur. Hier ist der Text das verbindende Element. Bibelstellen, die in Brahms´ Vertonungen eine starke spirituelle Überhöhung erfahren, finden ihre Entsprechung in den Spirituals als tief religiöse Hilferufe der geknechteten Sklaven im alten Amerika. Und da ist dann kein großer Unterschied mehr zwischen „O Heiland, reiß die Himmel auf“ und „Nobody knows the troubleI´ve seen“.

Mitsingen und mitswingen
Überflüssig zu erwähnen, dass sich die Umsetzung dieser Idee auf einem Niveau, in einer Klangkultur bewegt, die weit jenseits aller gängigen Vorstellungen eines gepflegten Chorgesanges liegen. Unglaublich die Geschlossenheit und Präzision des Chorklanges, aus dem keine der knapp 50 vorwiegend jungen Stimmen heraussticht. Ihre Treffsicherheit und Reinheit sind unbegreiflich, bei der religiös verbrämten Harmonik eines Brahms ebenso wie in den klangvollen Spiritual-Arrangements mit ihren jazzigen „closeharmonies“. Es sind aber auch Kraft, Ausdrucksfähigkeit und Dynamik, die bei diesem Ensemble, seinen qualifizierten Solostimmen und seinem charismatischen Leiter begeistern, ebenso die lässige Eleganz, mit der die Akteure sich während des Singens bewegen. Für aufregende Momente sorgt als „specialguest“ die aus Ruanda stammende, hinreißend präsente junge Gospelsängerin und Schauspielerin Marie-Christiane Nishimwe, die mit stimmlicher Urgewalt die Zuhörer in ihren Bann schlägt und zum Mitsingen und Mitswingen animiert.

 

NEUE
Vorarlberger Tageszeitung

18. Okt. 2016

Kulturübergreifend: Brahms und Spirituals

Das dritte Konzert der Chor- und Orgeltage in Hohenems brachte den „Chorus sine nomine“

ANNA MIKA

Scheinbar Fremdes zu verbinden, liegt in der Kulturszene im Trend, aus Gründen, die kaum näherer Erklärung bedürfen. So hat auch der „Chorus sine nomine“ aus Wien ein derartiges Programm erarbeitet, das er neben Linz, Wien und Innsbruck am Sonntagabend auch in der Pfarrkirche St. Karl in Hohenems erklingen ließ.
Es verbindet Motetten des Romantikers Johannes Brahms mit Negro-Spirituals, Musik des norddeutschen Protestanten also mit den Gesängen der Schwarzafrikaner, die in Amerika als Sklaven missbraucht wurden.
Beide Musikstile halten sich an Texte aus der Bibel, und nicht nur die schwarzen Sklaven haben Leid erlitten, sondern auch Brahms, der in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist – wobei der Vergleich gewagt ist.
Der Chorus sine nomine unter seinem Gründer und Leiter Johannes Hiemetsberger bringt Brahms und Spirituals abwechselnd und somit im direkten Vergleich. Seinen ersten Auftritt absolviert die Truppe aus dem hinteren Teil der Kirche schreitend, man hört Murmeln, Wort- und Melodiefetzen eines der bekanntesten Spirituals „Nobody knows the trouble I´ve seen“. Dann, vorne angekommen folgt Brahms´ Vertonung „O Heiland, reiß die Himmel auf“, jede Strophe des beliebten Adventliedes ist kunstreich gesetzt.
Ein voller Klang, in dem dennoch jede Stimme gut vernehmbar bleibt, zeichnet die Interpretation dieser wie weiterer Motetten durch den Chorus sine nomine aus, jedoch könnte die Wortdeutlichkeit besser sein. Diese lässt aber nicht bei den Spirituals zu wünschen übrig. Hier gestalten die großteils jungen Sängerinnen und Sänger äußerst plastisch und erfreuen durch fabelhaft dargebotene Soli.

Die Solisten
Als Solistin namentlich genannt war Marie-Christiane Nishimwe aus Ruanda. Sie interpretiert sehr kultiviert einige Spirituals solistisch. Wer sich von ihr erdig-afrikanischen Sound erwartet hatte, musste umdenken. Marie-Christiane hat in Luxemburg und Wien studiert und singt somit nach europäischer Art.
Das letzte Lied „Amazing grace“ sangen sie und der Chor zusammen mit dem ganzen Publikum. Klar, dass es da Standing Ovations der voll besetzten Kirche gab und der Chor noch zwei Zugaben darbot.

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
17. Okt. 2016

 

Musik sucht den Dialog und überwindet Kulturgrenzen

Chor- und Orgeltage bewähren sich als Brückenbauer zwischen den Religionen.

FRITZ JURMANN

HOHENEMS. Nichts weniger als einen Dialog zwischen der christlichen und der jüdischen Religion in Form eines Konzertprogramms hatten sich die Kuratoren der Chor- und Orgeltage heuer zur 25-Jahr-Feier ihres Festivals vorgenommen. Das Experiment ist auf spannende Weise gelungen, der Funke übergesprungen. Die Idee hinter diesem Konzert wurde am Samstagabend wohl allein aus dem Umstand deutlich, mit welcher Begeisterung der Direktor des Jüdischen Museums, Hanno Loewy, zum ebenfalls 25-jährigen Bestehen seines eigenen Hauses im Kirchenchor von St. Karl mitgesungen hat, Schubert auf hebräisch, Rheinberger auf deutsch.

Sulzers Melodienreichtum
Den Anstoß zu diesem Programm „Shalom – Kirche trifft Synagoge“ gaben die beiden Wiener Musiker Semjon Kalinowsky, Viola, und Franz Danksagmüller, Orgel, die nun mit speziell ausgewählten, hochromantischen Musikstücken für diese seltene Besetzung einen geschlossenen Bogen über diesen Abend spannen und dabei bald ein ganz eigenes, wohliges Flair zu erzeugen verstehen. Der dunkle, warme Klang der historischen Viola von 1817 entfaltet sich unter den kundigen Händen des Bratschisten traumhaft sauber und sprechend in der weiten Kirchenakustik, mischt sich ideal mit der präsenten, farbenreichen und nie zu lauten Begleitung an der Gollini-Orgel. So wird in dieser Besetzung ein Präludium von Joseph Gabriel Rheinberger in satter, chromatisch angereicherter Klanglichkeit einer Sarabande von Joseph Sulzer gegenübergestellt, die in ihrem samtenen Melodienreichtum und ihrer Qualität gut und gerne auch von Brahms oder Schumann stammen könnte. Es ist die Bearbeitung eines originalen Violoncello-Stücks des als Philharmoniker-Cellist bekannten Sohns des jüdischen Hohenemser Kantors Salomon Sulzer. Dagegen wirkt Joseph Sulzers Orgelpräludium, registriert wie ein Harmonium, etwas bemüht.
Das schwermütige „Kol Nidre“ als berühmtes Beispiel jüdischer Musik erklingt in der gängigen Fassung von Max Bruch zunächst als Duo in emotionaler Dichte, dann als Orgel-Passacaglia und Fuge von Siegfried Würzburger in fantasiereicher Auszierung mit mächtigem Schluss. Franz Danksagmüller ist auch in seinen Solostücken ein Organist, wie man ihn sich in dieser Klarheit, Übersicht und Kompetenz des Spiels nur wünschen kann. Schon zuvor hat er mit einer eigenen Improvisation aufhorchen lassen, die wie der Start eines Schwerlasters wummert, sich zu geschärfter Tonalität aufschwingt, gekonnt mit der Drosselung der Luftzufuhr spielt und damit die satte Romantik dieses Abends etwas aufmischt.

Eine Sternstunde
Eine Sternstunde ist vom Kirchenchor Hohenems zu vermelden, der zu diesem Anlass unter seinem langjährigen Leiter Wolfgang Schwendinger weit über seinen Horizont hinauswächst, und das fast ohne Aushilfen. Offenbar wurden die Sänger beflügelt durch Schuberts 92. Psalm, der von diesem Chor bereits im zweiten Schubertiade-Jahr 1977 mit Hermann Prey und 1990 für einen TV-Film über Salomon Sulzer mit Oliver Widmer als Solist aufgeführt worden war, so ausgewogen, klangschön und sauber, wie das hier klingt. Auch der besonderen Anforderung der hebräischen Sprache wird der Chor ausdrucksvoll gerecht: Weil die Sänger ganz einfach wissen, was sie singen. Wolfgang Schwendinger hat hier ganze Arbeit geleistet, sein Neffe Michael J. Schwendinger ist mit seinem eher hohen Bass-Bariton ein absolut würdiger Nachfolger der genannten früheren Solisten. In diesem Geist erklingen als christliches Gegenstück Rheinbergers Mottete „Bleib bei uns, Herr“ und als Zugabe Bruckners „Locus iste“. Standing Ovations der fast vollbesetzten Kirche für alle Mitwirkenden.
Ein Abend unter ganz besonderen Vorzeichen, mit dem Hohenems sich erneut seiner eigenen, Jahrhunderte zurückreichenden jüdischen Tradition besonnen und sie in unsere Zeit herübergeführt hat.

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
13. Okt. 2015

Die Klangarchitektur Bruckners
als Pfeiler des Glaubens

Chor- und Orgeltage-Festival feierte mit rund tausend Besuchern sein 25-Jahr-Jubiläum

HOHENEMS. (ju) Eindrucksvoller, als es die Chor- und Orgeltage am Wochenende taten, lässt sich für ein Festival, das sich der geistlichen Musik verschrieben hat, ein 25-Jahr-Jubiläum nicht feiern. Rund eintausend Besucher in der Kirche St. Karl sind wohl der beste Beweis für die durch hohe Qualität und religiöse Verankerung vorgegebene Attraktivität des Programms an diesen drei Tagen.
Nach Beeindruckendem mit der ungemein talentierten 17-jährigen Bludenzer Organistin Barbara Salomon und aufregenden Experimenten zwischen Orgel und Handorgel mit Goran Kovacevic und Paolo D´Angelo bildete das Chor- und Orchesterkonzert am Sonntag den heuer besonders spektakulären äußeren Höhepunkt, zugleich auch das geistig verinnerlichte Zentrum dieses Festivals. Aufgeboten für diesen Anlass ist ein insgesamt 120-köpfiges Ensemble. Davon sind über 70 erfahrene Sängerinnen und Sänger der Chorakademie Vorarlberg, mit der man in Hohenems seit ihrem hiesigen Auftreten im Jahr 2011 befreundet ist, dazu die Sinfonietta Vorarlberg. Im Mittelpunkt steht der seit 2007 als Domkapellmeister von St. Stephan in Wien amtierende Markus Landerer (39), der der sich auch nach seinem Abgang aus Vorarlberg trotz seiner großen Aufgaben in Wien noch für ein jährliches großes Projekt an seiner früheren Wirkungsstätte jeweils im Jänner Zeit nimmt.

Bruckner Messe
Zum Jubiläum in Hohenems ließ er sich zu einem außertourlichen Konzert bewegen und hat mit sicherem Instinkt dafür die Sakralmusik Anton Bruckners ausgewählt. Dessen erste große Messe in d-Moll (1864) schien ihm am Beginn in ihrer Strenge und Komplexität das rechte Werk für spirituelle Einkehr zu sein. Nach dieser Läuterung bietet Bruckners spätes „Te Deum“ dazu einen einfacheren, elementaren Gegensatz als jubelndes Gotteslob in höchsten Tönen. Diese unterschiedlichen Ausdrucksansätze vermag Landerer mit seiner total auf ihn eingeschworenen Chorakademie auf höchstem Level imponierend handwerklich allgegenwärtig, stilsicher und geschmackvoll einzulösen. Der Chorklang, wie er ihn etwa in der Friedensbitte der Messe a cappella im Piano modelliert, ist von unglaublicher Schönheit und Reinheit, der auch Bruckners oft abenteuerliche harmonische Fortschreitungen nichts anzuhaben vermögen, ebenso wenig  wie extreme Höhenanforderungen für das Sopranregister. Die großen, im Geiste Bachs kontrapunktisch gearbeiteten Aufschwünge und Ausbrüche am Ende von Gloria, Credo und „Te Deum“, die Landerer so liebt und in der großen Akustik bewusst provoziert, lassen in ihrer Strahlkraft die eindrucksvolle Klangarchitektur Bruckners als Pfeiler des Glaubens erstehen und damit den weiten Kirchenraum scheinbar erzittern. Das erlebt man selbst hier selten und in solchem Wirkungsgrad, davon bleibt auch niemand unberührt.
Das Orchester steht dem in nichts nach, spielt seinen Part verlässlich, klangschön und dynamisch und hat mit Klaus Nerdinger einen sicheren Konzertmeister und Sologeiger. Die temperamentvolle ungarische Sopranistin Tünde Szabóki, die innig verhaltene israelische Altistin Anna Haase, der gepflegte englische Tenor Stephen Chaundy und der noble deutsche Bass Thomas Dobmeier haben größere Aufgaben erst im „Te Deum“ zu erfüllen, ergeben als routiniertes Quartett aber einen homogenen Eindruck. Das Publikum feiert alle lange und herzlich.

 


NEUE
Vorarlberger Tageszeitung

14. Okt. 2014


Schweizer Klangwelten

Die 24. Hohenemser Chor- und Orgeltage boten Musik,
die unter die Haut ging


ANNA MIKA

Das rätoromanische Liedgut zu pflegen, liegt dem Chor cantus firmus surselva am Herzen. Dies tut er allerdings nicht, indem er sich von Anderem abgrenzt, sondern im Gegenteil: Er bezieht es mit ein.
So sangen die zehn Damen und zehn Herren aus dem oberen Vorderrheintal in Graubünden bei ihrem Konzert in Hohenems in insgesamt sechs Sprachen. Das Konzert war Teil der 24. Hohenemser Chor- und Orgeltage. Zu den vier Sprachen der Schweiz kamen Latein und Englisch. Das beweist eine erstaunliche Souveränität dieser durchwegs noch eher jungen Sängerinnen und Sänger, und noch dazu sangen sie einige der rätoromanischen Lieder auswendig.

Lupenrein
Das wäre an sich schon bemerkenswert, aber cantus firmus surselva beglückte das zahlreich erschienene Publikum zudem durch seine wunderbar strahlenden Stimmen und durch eine lupenreine Intonation. Beides brachte die Klänge zum Schwingen, sie gingen unter die Haut und strömten direkt in die Herzen der Zuhörer und Zuhörerinnen.

Glücklichmacher
Sieht man ab von zwei Gesängen des Romantikers Camille Saint-Saëns, so stammte alles Dargebotene an diesem Abend aus dem 20. und 21. Jahrhundert, zuweilen volksliedhaft, mitunter aufgewühlt und manches Mal atonal.
Doch immer bestachen die von Clau Scherrer einstudierten und geleiteten Sängerinnen und Sänger durch ihre Phrasierung, die die musikalischen Bögen organisch aufbaute und zurückführte, immer lebendig, immer spannend und doch nie überspannt. Im Gegenteil strahlte dieses Konzert eine Ruhe und eine Harmonie aus, die das Publikum scheinbar einfach nur glücklich machte. Gesungene Phrasen wurden aufgegriffen und fortgesponnen durch die Brüder Domenic und Curdin Janett mit Klarinette und Akkordeon. Ohne Fremdkörper zu sein, schufen sie Klanginseln ganz eigner Art.
So zeigte das Konzert auf vielfältige, stets subtile Weise, dass Andersartiges integriert werden kann, ohne das Eigene dabei aufzugeben.

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Montag,
13. Okt. 2014

Orgelgewitter von der Hohen Kugel

Günther Fetz und Animantica machten Hohenems zum Zentrum sakraler Musik

FRITZ JURMANN

Hohenems. Die renommierten Chor- und Orgeltage, bekannt für ihre überaus sorgsame Künstlerauswahl durch die Kuratoren Peter Amann und Christoph Wallmann, hatten am Wochenende in St. Karl besondere Leckerbissen zu bieten. Am Beginn kam man in den seltenen Genuss eines Orgelkonzertes mit Günther Fetz, Orgellegende mit internationaler Vergangenheit und Lehrmeister ganzer Generationen von Organisten. Aus Altersgründen zieht er sich langsam vom Konzertleben zurück, hat aber gezeigt, dass er auch mit 76 absolut nichts von seiner Meisterschaft, seiner musikantischen Spielfreude und Virtuosität eingebüßt hat. Auch seine Zugkraft ist ungebrochen: 150 Zuhörer sind ein Rekord für ein Orgelkonzert.

Nebel um Schloss Glopper
Fetz hat sich zuletzt mehr der Komposition zugewandt, u. a. mit seiner „Missa Lindaviensis“ für den Chor von Lindau-Aeschach, wo er Sonntag für Sonntag seinen Orgeldienst absolviert. Der Improvisation aber gilt sein besonderes Interesse, das er nun anhand von „Hohenemser Impressionen“ aus Natur und Kultur als zweiten Schwerpunkt demonstriert. In sechs Teilen lotet er mit Einfällen, die aus dem Augenblick heraus entstehen, das Klangspektrum der imposanten Gollini-Orgel bis ins Detail aus, und das alles ohne Spielhilfen beim Umregistrieren. Da wabern Nebel um Schloss Glopper, geistert ein Gespenst heulend auf der Ruine Altems. Jüdischer Synagogengesang, Schuberts „Wiegenlied“ und Sweelincks „Ballo del granduca“ für ein Renaissance-Fest im Palast stehen als thematische Ausgangspunkte für fantasievolle Verarbeitungen.
Und das Orgelgewitter am Schluss kommt direkt von der Hohen Kugel. Fetz erreicht mit diesen Improvisationen sein Publikum auf begeisternde Art, in nachvollziehbaren Lautmalereien, heiteren Einfällen und einer Tonsprache, die zwar zupackend modern ist, jedoch stets in Tonales zurückfindet. Der Kontrast zu diesen Stimmungsbildern könnte mit gestrengem Bach nicht größer sein. Stilistisch hoch kompetent und doch stark individuell geprägt rückt er der kompakten Partita „O Gott, du frommer Gott“ zu Leibe, kleidet Cembalomusik aus dem „Wohltemperierten Klavier“ in ungewohnt freche Farben und setzt mit der populären Toccata und Fuge d-Moll noch ein mächtiges Klangmonument drauf.
Tags darauf bildet der prächtige geschnitzte Renaissancealtar von 1580 in der Pfarrkirche die optische Entsprechung zur Entstehungszeit eines Konzertprogramms mit Werken aus dem alten Venedig. Das Ensemble „Animantica“ aus Bologna macht bei seinem Debut diese frühen, zerbrechlichen Klänge aus dem 17. und 18. Jahrhundert authentisch, auf subtile Weise, mit höchster Präzision und dynamisch-beweglichem Ansatz lebendig. So wie kürzlich in St. Corneli, fügt sich auch hier das viel später erfundene Akkordeon ideal zu drei Streichern und Cembalo. Mit Giorgio Dellarole ist ein feinfühliger Virtuose am Werk, dessen Duos von Castello und Vivaldi mit dem überragenden Konzertmeister Alessandro Tampieri zu den Highlights des Abends gehören.

Ein vokales Glanzlicht
Der in Lochau lebende und an der Tonart-Musikschule lehrende Countertenor Michele Andalò sorgt für ein vokales Glanzlicht. In der Motette „A rupe alpestri“ von Galuppi setzt er seine farbenreiche Stimme mit kraftvoller Attacke, großer Emotion und leichtgängigen Koloraturen ein Szene. Die Sopranistin Lucia Schwarz dagegen bleibt mit ihren sängerischen Qualitäten deutlich unter dem hohen ästhetischen und spieltechnischen Anspruch dieses Abends. Auch diesmal ist der Besuch überdurchschnittlich und die Begeisterung groß.






www.kulturzeitschrift.at
vom 13.10.2014

von Silvia Thurner

Ein maßgeschneidertes Konzert -
Günther Fetz brachte die Gollini-Orgel zum Strahlen und zeigte seinen eigenen Ideenreichtum auf


Die 24. Hohenemser Chor- und Orgeltage in der Pfarrkirche St. Karl eröffnete Günther Fetz mit einem individuell zugeschnittenen Konzert. Im Zentrum standen frühe Werke von Johann Sebastian Bach und eine Improvisation über Motive aus Hohenems. Mit seiner Spielart und der Registrierung der einzelnen Werke legte Günther Fetz viel Wert darauf, den Varianten- und Klangfarbenreichtum der Orgel gebührend in Szene zu setzen. Auf seine Weise präsentierte er das bewundernswert klangschöne und gut abgerundete Instrument mit einer vielgestaltigen Palette an Ausdrucksmitteln.
Bereits in der Partite diverse sopra „O Gott, du frommer Gott“, BWV 767 kam das Ansinnen von Günther Fetz zur Geltung. In vielfältigen Variationen und Themengestalten über dem Choralthema stellte er die thematisch-motivischen Gedanken transparent dar. Motivische Korrespondenzen, Echowirkungen sowie imitatorische Muster erklangen in einem gut ausgeloteten Spannungsbogen zueinander.
Mit einem fast ungestümen Tempo breitete Günther Fetz die Klangflächen im Präludium und Fuge in c-Moll (BWV 847) aus und stellte auch die unterschiedlichen Charaktere zwischen diesem Werk und dem Präludium und Fuge in G-Dur (BWV 884) ausdrucksstark dar. Schön nachzuvollziehen waren in den Werkdeutungen die Tonartenpläne und das vielseitige Figurenwerk.
Seine individuelle Sichtweise auf die berühmte d-Moll Toccata (BWV 565) stellte Günther Fetz anschließend dar. Auch dieses Werk spielte er mit einem zügigen Grundtempo. Besonders die Raumperspektiven zwischen den Hauptmotiven und Spielfiguren im Klangvorder- bzw.  –hintergrund verliehen der Werkdeutung Profil und eine monumentale Steigerung, die zum Schluss hin opulent zum Höhepunkt geführt wurde.


Hohenems akustisch erlebt

Die für die Hohenemser Chor- und Orgeltage 2014 maßgeschneiderte Improvisation namens „Hohenemser Impressionen“ machte deutlich, wie intensiv sich Günther Fetz mit der Gollini-Orgel auseinandergesetzt hat. So stellte er ein gut nachvollziehbares, in vielen Klangschattierungen schillerndes Tongemälde in den Kirchenraum, das die zahlreichen Konzertbesucher in eigene Phantasiebilder übersetzen konnten. Tiefe Register und Schwebungen, stehende Flächen und eine allmählich sich herausschälende melodische Floskel zeigten auf wie „Die Nebenschwaden um Schloss Glopper der Morgensonne weichen“. Der eindrücklichste Abschnitt war dem „Jüdischen Synagogengesang“ gewidmet. Eine punktierte Linie formte sich allmählich zu einem jiddischen Lied, das in verschiedenen Klangfarben und Tonarten zitiert erklang, bevor es von einer Klangwand zugedeckt wurde. Aus tiefen Lagen aufsteigend formte sich die Melodie am Schluss noch einmal heraus.
Schreitrhythmen gespielt mit Trompeten, Oboen und Zink führten dann in die Zeit der Renaissance und imaginierten ein Fest im Palast. „Das Gespenst auf der Ruine Altems“ zeigte die humoristische Ader des Organisten auf, denn die spielerische Freude am musikalischen Gestalten herumschwirrender Gespenster ließ viele Zuhörende schmunzeln. Schubert wurde mit einem Wiegenlied die Referenz erwiesen, bevor ein richtiges „Kuglaweatter“ nieder ging und eine Abendstimmung am Alten Rhein zu erleben war. Ein prachtvoller, stehender Durklang verlieh der Improvisation und dem Orgelabend einen strahlenden Abschluss.

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
16. Okt. 2012

 

Vorreiterrolle für neue Musik erfüllt

Chor- und 0rgeltage fanden mit mehr Besuchern denn je den hinreißenden Abschluss

von FRITZ JURMANN

HOHENEMS. Die Chor- und Orgeltage nehmen im heimischen Konzertleben zunehmend eine Vorreiterrolle für Neue Musik ein, ohne dass ihnen dabei das Publikum abhanden käme. Im Gegenteil: Die 22. Ausgabe dieses kleinen Festivals am Wochenende verzeichnete mehr Besucher denn je. Nach einem Orgelkonzert, in dem mutig avantgardistische Orgelmusik direkt neben Barockem stand, und einem Kammerkonzert, in dem mit Lichtinstallationen neue Möglichkeiten erschlossen wurden, bildete das Chorkonzert am Sonntag einen besonderen Glanzpunkt. Man hatte sich entschlossen, nach seinem Erfolg 2007 mit Bach-Kantaten das "ensemble cantissimo" aus Konstanz nochmals einzuladen, diesmal mit Vokalmusik pur. Eine glückliche Wahl, denn man hat selten einmal hierzulande Besseres an A-cappella- Chormusik vernommen. Auch diesmal steht das 20. Jahrhundert mit seiner Chormusik im Vordergrund, zentral eine "Missa pacis", eine Friedensmesse, die der so ideenreiche wie kompetente Leiter Markus Utz mit Vertonungen des Mess-Ordinariums durch Epoche-prägende europäische Komponisten zusammengestellt hat.

Kraft und Ausdrucksfähigkeit
Sie erzählen von der Geschichte des Kontinents während der beiden Weltkriege, dem Leid und der Hoffnung, den nationalen Eigenheiten. Und dennoch fügt sich alles in Stil und Ausdruck wie von selbst zu wunderbarer Einheit: Das tief religiöse doppelchörige Kyrie des Schweizers Frank Martin, das aufbrechende Gloria des Franzosen Francis Poulenc, die berührenden Teile Credo, Sanctus und Benedictus für Soloquartett und Doppelchor nach altenglischen Vorlagen des Briten Ralph Vaughn-Wil- liams, das schlicht dreistimmige Agnus des Schweden Lars-Erik Larsson. Chorleiter Markus Utz formt in intensiv beschwörender Weise die 24 professionell ausgebildeten Stimmen zu meditativ schwebenden oder bestürzend bedrohlichen Klängen, stellt vor allem die spirituelle Kraft dieser Messe in den Vordergrund, getragen von größtmöglicher Klangkultur, Kraft und Ausdrucksfähigkeit. Eingerahmt wird dieser glänzende Programmschwerpunkt durch den deutschen Organisten Gerhard Weinberger (64), der sich an der Gollini-Orgel mit einem in Technik, Übersicht und Klarheit brillant gemeisterten Präludium und Fuge D-Dur als Bach-Kapazität erweist. Thierry Escaichs fünf Versetten über die Ostersequenz zeigen dann in streng aufrauschenden Klangkaskaden imponierend Weinbergers unverblümt packenden Zugang zur neuen Orgelmusik. Im abschließenden Skandinavien Block gelingt dem "ensemble cantissimo" noch das Nonplusultra: In solch absoluter Reinheit, Homogenität und Verinnerlichung, wie Griegs todtrauriger "Frühling" aus dem summenden Nichts herauswächst und bald wieder verblüht, dürfte dieser Chor unübertroffen sein.

 


Homepage der
Stadt Hohenems

 

Vom Barock bis zur Avantgarde

Die Chor- und Orgeltage zeigten vergangenes Wochenende wieder die Vielseitigkeit geistlicher Musik auf: Eine viel beklatschte Österreich-Erstaufführung machte den Anfang. Traditionell bildete ein Orgelkonzert den Auftakt: Der aus dem Bregenzerwald stammende und in Berlin lebende Alexander Moosbrugger spannte einen Bogen von Johann Sebastian Bach über Dietrich Buxtehude bis zu Markus Wettstein: Für dessen erstmals in Österreich gespielte "fundstücke I-IV" zogen Moosbrugger und zwei Helfer/innen sprichwörtlich alle Register und belegten eindrücklich das breite Klangspektrum der Gollini-Orgel. Das Publikum wusste auch diese experimentellen Kompositionen zu schätzen und zollte anhaltenden Beifall. Ungewohntes bot auch der Samstag, als Martin Franz, Isabella Fink und Jürgen Natter Werke von Gabriel Fauré bis Olivier Messiaen mit Klang und Licht zu einem meditativen Erlebnis machten. Traditionell beendete ein Konzert für Orgel und Chor das bereits 22. Festival: Das Ensemble Cantissimo und Gerhard Weinberger hatten eigens eine Missa Pacis, eine Friedensmesse, vorbereitet, welche bedeutende Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Jean Sibelius und Francis Poulenc versammelte.

[http://www.hohenems.at/de/news/kulturnews/vom-barock-bis-zur-avantgarde am 16.10.2012]

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Montag,
11. Okt. 2010

Zwei an der Orgelbank
Von Fritz Jurmann

HOHENEMS. Die Orgel ist grundsätzlich für einen Spieler gebaut. Wenn sich zwei Musiker vierhändig (und natürlich auch vierfüßig) an dieses Instrument wagen wie bei den 20. Chor- und Orgeltagen in St. Karl in Hohenems, dann ist das zunächst einmal, in der drangvollen Enge der Orgelbank, eine artistische Leistung. Dass dieser Abend aber auch zu einem künstlerischen Ereignis wurde, verdankte man der Spielfreude und Musikalität, dem wachen Geist und der Anpassungsfähigkeit des Dornbirner Organisten Rudolf Berchtel und seines Partners, des in Bozen tätigen Schweizer Benediktinerpaters Arno Hagmann.

Markante Eckpunkte
Die beiden hatten mit Reinhard Jaud denselben Lehrer, auch sonst verbindet sie eine lange Künstlerfreundschaft. Unabdingbare Voraussetzungen für ein solch gewagtes Unterfangen wie einen vier- händigen Orgelabend von enormer stilistischer und formaler Vielfalt, zwischen 16. und 20. Jahrhundert, freier Fantasie und streng barocker Fuge mit vielen Entdeckungen kaum bekannter Werke und Komponisten. Die beiden Musiker setzen drei markante Eckpunkte im Programm, bei denen sie das in der Kirchenakustik wunderbar tragende Pleno der Gollini-Orgel voll auskosten und zum Leuchten bringen. Aus der Romantik eine Festintrada, von Wilhelm Volckmar mit viel Chromatik ausgestattet, und eine mächtige Orgel-Fantasie mit Fuge von Carl Filitz, dazu als Schlusspunkt mit dem Finale aus der Sonate à deux von Gaston Litaize ein in kühnen Akkorden schwelgendes Stück französischer Orgelmusik des 20. Jahrhunderts.

Gemeinsamer Atem
Dazwischen kommt viel Filigranes zu Wort: ein verspieltes Flötenuhr-Adagio von Beethoven, fast kindlich anmutende Duette des Engländers Wesley, ausgeklügelte Registermischungen in den Variationen des Dänen Gade über Bachs Choral "Sei gegrüßet, Jesu gütig" (übrigens die einzige Bearbeitung im Programm). Alles gelingt aus einem gemeinsamen Atem heraus und auf hohem technischem Niveau, in vielstimmiger klanglicher Dichte und doch von bestechender Transparenz. Die zahlreichen Zuhörer samt Organistenkollegen aus dem Land feiern das Orgelduo.

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
13. Okt. 2009

 

Da wird um die Wette gespielt

Die Hohenemser Chor- und Orgeltage überzeugten heuer auf allen Linien.

Von Fritz Jurmann

Hohenems (VN) Die sorgfältig programmierten Chor- und Orgeltage haben am Wochenende mit ihrer 19. Ausgabe eindrucksvolle Ergebnisse erzielt. Drei Konzerte brachten neue Einsichten und Ereignisse für eine größer werdende Zahl von Freunden dieses kleinen Festivals mit der Gollini-Orgel im Zentrum.

Nach einem komplexen Bach-Abend mit dem Wiener Organisten Roman Summereder machten Domorganist Johannes Hämmerle und erstmals Markus Pferscher mit seiner "tonart"-Sinfonietta deutlich, welch aufregende Dinge man mit einer Orgel und einem Streichorchester anstellen kann. Da geht es nicht nur um barocke Begleitung, da wird um die Wette gespielt, kommt es auch zu Konfrontationen und Verflechtungen, bei denen die großräumige Akustik der Pfarrkirche St. Karl behutsam berücksichtigt, aber auch effektvoll genutzt wird. So gleich am Beginn mit dem spätromantischen "Grand Choeur Dialogué" von Eugène Gigout, einer mächtigen Zwiesprache zwischen Orchester im Altarraum und Orgel.

Orchesterarbeit

Markus Pferscher, Leiter der Musikschule Mittleres Rheintal, gründete die Sinfonietta als oberste Stufe seiner Orchestererziehungsarbeit 2005 zur Eröffnung des Markus-Sittikus-Saales. Fortgeschrittene Musikschüler und Pädagogen finden sich seither projektbezogen zusammen, mit einem Ergebnis, das sich in punkto Technik und Ausgewogenheit inzwischen auch auf Konzertreisen durchaus hören lassen konnte. Der selbst noch junge Dirigent gibt den Musikern in seiner kompetent unaufgeregten Art, oft auch nur mit einem Lächeln, das Gefühl absoluter Sicherheit. So wird auch ein Orgelkonzert von Händel zum scheinbar lockeren Spaziergang mit einem überlegen virtuos gestaltenden Johannes Hämmerle. Dieser beweist dann faszinierende Größe bei Bach, indem er die strenge Architektur des a-Moll-Präludiums in der folgenden Fuge tänzerisch abmildert. Das kompakt gebaute Orgelkonzert (1993) des St. Gallers Paul Huber als österreichische Erstaufführung hinterlässt in seiner aufgeraut sakralen Tonsprache wohl den stärksten Eindruck.

Vocale Neuburg

Ein Werk des 20. Jahrhunderts, die "Son of God Mass" des Engländers James Whitbourn, dominiert auch das Chorkonzert am Sonntag mit dem renommierten Kammerchor "Vocale Neuburg", der sein Antreten zu einem imponierenden Leistungsbeweis nutzt. Die neunteilige Messe ist mit Elementen der Jazz- und Popularmusik auf raffinierte Art für den Zuhörer leicht verständlich gehalten, stellt aber die Interpreten vor hohe Anforderungen. Ostinate offene Bassquinten bilden ein Fundament, über dem bis zu sechsstimmige Akkorde jazzig von einem Sopransaxophon (inspiriert: Martin Franz) umrankt und von zupackend farbigen Orgelklängen (souverän: Bernhard Loss) kontrastiert werden. Oskar Egle formt in seiner beschwörend intensiven Art die Stimmen zu meditativ schwebenden oder bestürzend bedrohlichen Klängen, stellt vor allem die spirituelle Kraft dieses Werkes in den Mittelpunkt. Alle guten Eigenschaften der Wiedergabe romantischer Acapella-Chormusik zeigt "Vocale Neuburg" in seinem typischen Sound davor anhand von Mendelssohn-Motetten: Klarheit, weite Spannungsbögen, makellose Intonation. Und kann am Ende die Standing Ovations einer vollbesetzten Kirche für sich verbuchen.

Hörfunkwiedergabe des Konzertes mit der Vocale Neuburg am 6. Jänner, 20.15 Uhr in Radio Vorarlberg.

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
14. Okt. 2008


Tölz hat mehr als einen Bullen

Tölzer Knaben sorgten bei den Chor- und Orgeltagen für einen Glanzpunkt

Von Fritz Jurmann

Hohenems (VN) Seit 18 Jahren sind die Chor- und Orgeltage für ihr spezielles, kompetentes Programmangebot bekannt und geschätzt. Da wird keine Beliebigkeit geduldet. Dennoch ist es fast eine kleine Sensation, dass für das Abschlusskonzert am Sonntag erstmals die berühmten Tölzer Sängerknaben verpflichtet werden konnten.
Kein Wunder, dass dieser Anlass vom Publikum geradezu gestürmt und zu einem Glanzpunkt des kleinen Festivals wurde. Gegenüber ihren in Matrosenanzüge gepressten, oft künstlich wirkenden Wiener Kollegen haben sich die Tölzer seit jeher durch größere Natürlichkeit in Szene setzen können.

Spontaneität

Mit Ralf Ludewig steht ein Pädagoge am Pult, der bei aller Strenge auch der kindgemäßen Spontaneität Raum lässt. Er demonstriert in einem breiten Bogen durch die Geschichte der begleiteten Chorliteratur seine gestalterischen Fähigkeiten mit den 30 jungen, gesangstechnisch hervorragend geschulten Stimmen.
Sie zeigen in barocken zwei- und dreistimmigen Antiphonen und einer Motette von Michael Haydn große Beweglichkeit, entfalten ihr erstaunliches Klangspektrum samt Soloeinlagen in Brittens heikler, klug inszenierter Missa brevis von der Empore aus, zusammen mit dem zupackend virtuosen Organisten Christian Brembeck. Und gelangen in drei Motetten von Mendelssohn zu romantischen Klängen von fast überirdischer Schönheit und Klarheit.
Das strahlende "Alleluja" als stürmisch geforderte Zugabe wiederholt, klingt noch lange nach. Engelsgleich. Ebenso wie die Erkenntnis, dass Bad Tölz weit mehr zu bieten hat als bloß einen Bullen.

 

 

 

NEUE
Vorarlberger Tageszeitung

14. Okt. 2008

 

Begeisterndes Hörerlebnis
mit dem Tölzer Knabenchor

Die 18. Hohenemser Chor- und Orgeltage brachten an diesem Wochenende herausragende geistliche Konzerte in die Pfarrkirche St. Karl.

Von Anna Mika

Nach dem Dornbirner Organisten Rudolf Berchtel, der am Freitag ein Bach-Programm bot und nach dem Trio Hossein Samieian, Flöte, Kurt Meier, Oboe und Felix Gubser, Orgel und Cembalo mit Werken zeitgenössischer angelsächsischer Komponisten gastierte am Sonntag der weltberühmte Tölzer Knabenchor bei den Hohenemser Chor- und Orgeltagen. Gegründet 1956 von Gerhard Schmidt-Gaden im bayerischen Bad Tölz, wirkte dieser Knabenchor, wie auch Solisten daraus, bald bei Aufführungen unter den größten Dirigenten mit. Dieser Erfolg wurde nachvollziehbar beim Konzert in Hohenems. Unter der Leitung von Ralf Ludewig sangen diese Buben, von denen keiner älter als zehn Jahre alt sein dürfte, mit atemberaubender musikalischer Präzision und Intonationsreinheit. Dabei war das Programm nicht einfach, die polyphonen Werke des Barock und der Klassik, die weiten Bögen bei Mendelssohn und schließlich Benjamin Brittens "Missa brevis opus 63" standen durchwegs in lateinischer Sprache.

Frisch und präzise

Der Text war hervorragend zu verstehen und wurde zudem mit germanischer und bei Britten romanischer Aussprache dargeboten. Der frische, präzise Chorklang, der bei den Werken, die von der Orgelempore herunter gesungen wurden, fast ins Schneidende kippte, resultiert aus den sehr gut sitzenden Stimmen, der naturgemäß vibratoarmen Tongebung und einem in offenem Brustklang geführten Alt. Und was schon immer Markenzeichen dieses Chors war, hörte man auch diesmal: Alle Musik, auch die romantische und moderne, wurde interpretiert nach den Gesichtpunkten der barocken Rhetorik, also in kleinräumiger sowie wort- und sinnbezogener Phrasierung. Ein ungewöhnliches und begeisterndes Hörerlebnis, das die volle Kirche zu Standing Ovations hinriss.

 

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Montag,
13. Okt. 2008


Mit dem Höchstmaß an Kraft

Rudolf Berchtel präsentierte in Hohenems die Vielfalt Bachscher Orgelmusik.

Von Fritz Jurmann

Hohenems (VN) Der renommierte, in Dornbirn-St. Martin tätige Organist Rudolf Berchtel (47) gestaltete am Freitag an der Gollini-Orgel in der Pfarrkirche St. Karl das Eröffnungskonzert der 18. Chor- und Orgeltage mit einer sehr persönlich gehaltenen "Hommage à Johann Sebastian Bach".
Berchtel, der bereits mehrfach als Organist und Chorleiter in dieser Reihe mitwirkte, hat einen sehr eigenen, oft auch eigenwilligen Zugang zu Bachs Orgelwerk gefunden.

Faszinierende Deutung

Musterbeispiel ist die ob ihrer Überpräsenz unter Kennern scherzhaft als die "Epidemische" bekannte Toccata und Fuge d-Moll, die Berchtel so ganz anders als gewohnt interpretiert, mit größter Überlegenheit und Umsicht, die Reibungen verminderter Septakkorde voll auskostend, in barockem Glanz registriert unter Beimischung farbiger Aliquoten. Eine faszinierende Deutung!
Zuvor zeigt er Vielfalt und Kontraste bei Bach auf, das Musikantische in der Bearbeitung eines Vivaldi-Violinkonzertes, die tief lotende musikalische Versenkung in sorgfältig registrierten Choralbearbeitungen, vor allem dem bekannten adventlichen "Wachet auf, ruft uns die Stimme".
Sein Meisterstück in Sachen Virtuosität liefert Berchtel aber mit der Fuge e-Moll aus BWV 548, die allein durch ihre Dimensionen und die Dichte der kontrapunktischen Verflechtungen ein Höchstmaß an psychischer und physischer Kraft erfordert. Der Beifall der zahlreichen Zuhörer ist demonstrativ herzlich.

 

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
16. 10. 2007

 

Bach in höchster Vollendung

"ensemble cantissimo" bescherte den Chor- und Orgeltagen den Glanzpunkt

Von Fritz Jurmann

Hohenems (VN) So hat man Bachs doppelchörige Motetten wohl kaum einmal in unserem Land erlebt wie am Sonntag zum Abschluss der Chor- und Orgeltage, die sich Jahr für Jahr stärker vor allem als Ort exklusiver Vokalereignisse profilieren. Die beiden Programmverantwortlichen, Christoph Wallmann und Peter Amann, haben im Auftrag der Pfarre St. Karl mit dem Konstanzer "ensemble cantissimo" auch diesmal eine hervorragende Wahl getroffen. Das war Bach in höchster Vollendung.

Die Motetten Johann Sebastian Bachs zählen zu den großartigsten Werken der A-cappella-Chorliteratur, sind zugleich aber auch Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Durchschlagskraft eines jeden Vokalensembles. Das nur 18-köpfige junge "ensemble cantissimo" mit professionell ausgebildeten Sängern aus Deutschland und der Schweiz besitzt all diese guten Eigenschaften, die ihr Leiter Markus Utz (35) kundig zu bündeln und mit sparsamer Bewegung umzusetzen weiß.

Er legt besonderes Augenmerk auf größte Verständlichkeit, federnden Rhythmus und die schlanke Beweglichkeit der Stimmen. Verblüffend auch die Präzision, mit der Bachs komplexe Kontrapunktik stets bis ins Detail ausgearbeitet ist, dabei fließt alles wie von selbst ineinander ("Lobet den Herrn alle Heiden") oder in effektvollen Echowirkungen auch gegeneinander ("Komm, Jesu, komm").

Delikat registriert

Dass diese sechs Werke durch eine Continuo-Gruppe mit Violone und Orgel "in- strumental gestützt" werden, widerspricht nicht der A-cappella-Anlage und war schon zu Bachs Zeiten durchaus gängige Praxis. Bernhard Prammer verschafft zwischendurch den Sängern eine willkommene Verschnaufpause, spielt an der großen Gollini-Orgel Bachs "Sarabanda con partite" mit delikat registrierten Farben.

Die höchste Meisterschaft in seinen doppelchörigen Motetten hat Bach mit seinem Spätwerk "Singet dem Herrn ein neues Lied" erreicht, das in glänzender Pracht großräumig den fulminanten Abschluss des Konzertes bildet.

 

 

 

NEUE
Vorarlberger Tageszeitung

Okt. 2007



 

17. Hohenemser Chor- und Orgeltage

Von Katharina von Glasenapp

Die 17. Hohenemser Chor- und Orgeltage brachten mit dem Ensemble Cantissimo unter seinem Leiter Markus Utz einen Bach-Schwerpunkt.
Bereits der Bregenzer Organist Helmut Binder hatte in seinem schön programmierten Orgelkonzert am Freitag auf der Gollini-Orgel einen großen Teil Bach gewidmet und in Werken von Franz Schmidt und Joseph Rheinberger dessen Wirkung auf die Romantiker aufgezeigt.

Das Ensemble Cantissimo, ein Projektchor von ausgebildeten Stimmen mit Sitz in Konstanz, wo Dirigent Markus Utz als Musikdirektor am Münster wirkt, hatte mit seinen 18 Sängerinnen und Sängern sechs überwiegend doppelchörige Motetten von Johann Sebastian Bach im Gepäck. Die gute Stimmbildung erlaubt in dieser kleinen Besetzung ein schlankes Klangbild mit hoher Beweglichkeit - mitunter fast so schnell, dass die Sechzehntelbewegungen im Kirchenraum verschwimmen - aber auch großes Volumen und Dynamik, sodass ein sehr ausgewogener und flexibler Klangkörper entsteht. Mit der zunächst klanglich noch etwas dominierenden Unterstützung durch eine Truhenorgel von Bernhard Prammer und Haralt Martens an der Violone ließ das Ensemble, in dem sich die Stimmen schön mischen und keine heraus sticht, keine Ermüdungserscheinungen oder Intonationsschwankungen erkennen. Bachs kunstvolle Musik wirkte unter der klar zeichnenden Führung des Dirigenten fein ziseliert in den Koloraturen, klagend und seufzend in den Themen (vier der sechs Werke sind Trauer-Motetten), doch auch voller Wärme in den fließenden Chorälen. Immer wieder entstanden Echowirkungen, wenn sich die zweichörig platzierten Stimmen die Motive zuriefen und so etwa in der letzten Motette "Singet dem Herrn" ein vielstimmiges Konzert durch die Kirche schwang.

Zur Entspannung für die Singstimmen wechselte Bernhard Prammer von der Truhenorgel an die große und machte dort die "Sarabanda con Partite" BWV 990 lebendig: die Sarabande als langsamen Schreittanz mit zum Teil etwas holprigen Variationen, in denen der Organist die Registerfarben der Orgel auskostete.
Der Chor aber verabschiedete sich mit einer spannenden, vom Norweger Knut Nystedt angeregten Improvisation, die zeigt, wie viel Moderne in Bachs Choral "Komm süßer Tod" steckt: Zum Ohren öffnen nach diesem großen Strom Bachscher Musik.

 

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
17. 10. 2006

 

Im Heiligtum der Chormusik

Der Kammerchor Feldkirch zeigte sich in Hohenems experimentierfreudig.

Fritz Jurmann

Hohenems (VN) Das Abschlusskonzert der Chor- und Orgeltage ist seit Jahren zu einem viel beachteten Gradmesser, einem sensiblen Sensorium für aktuelle Qualität und Leistungsfähigkeit im Chorwesen geworden. Der Veranstalter gewichtet sehr sorgfältig, eine Einladung allein ist schon eine Auszeichnung. Umso erfreulicher, dass neben exzellenten auswärtigen Chören nun schon zum zweiten Mal der Kammerchor Feldkirch unter Martin Lindenthal Eingang in dieses Heiligtum der Chormusik gefunden und sich dabei vor einem kundigen und begeisterten Auditorium in St. Karl erneut brillant geschlagen hat.
Ein anspruchsvolles geistliches Programm voll Experimentierfreude bezieht seine Spannung aus der Konfrontation von Werken aus Renaissance und dem 20. Jahrhundert, zwischen der Wortvertonung als meditativer Erbauung oder in größtmöglicher Verdeutlichung, zwischen Purcell und Pärt. Mit durchaus verblüffenden Bezügen und Beziehungslinien untereinander.
So leitet etwa Thomas Tallis "O salutaris hostia" aus dem 16. Jahrhundert, berückend im schwebenden Palestrinastil dargeboten, fast nahtlos in die 1991 komponierte "Berliner Messe" des gerade in der Chormusik heute so gefragten estnischen Asketen Arvo Pärt über, die genau auf der Vokalpolyphonie der Renaissance und der Gregorianik basiert. Aus dunklen ostinaten Melodiefloskeln, einer harmonisch komplexen Sprache schöpft der Neo-Mystiker der klassischen Moderne enorme innere Kraft, Spiritualität und gestalterische Tiefe, die auch in der packenden Wiedergabe beeindrucken, getrübt nur durch winzige sängerische Unsauberkeiten. Ein ausgewähltes Streicherensemble umgibt das vokale Geflecht wie ein Heiligenschein.

Große Sicherheit

Arvo Pärt eröffnet auch das Programm mit seinen "Beatitudes", die sich über Elisabeth Zawadkes hartnäckigen tiefen Orgeltönen aufbauen, bis dem Instrument in einem virtuosen Nachspiel schließlich freier Lauf gelassen wird. Zawadke steuert mit Adagio, Allegro und Adagio f-Moll auch eines von Mozarts drei Orgelwerken bei, fein registriert mit Flöten und Trompeten, gespielt mit großer Leichtigkeit und Klarheit.
Der Kammerchor Feldkirch hat in den fünf Jahren seines Bestehens eine beachtliche Entwicklung genommen auf dem Weg zur Meisterschaft des A-cappella-Chorgesanges: große Beweglichkeit der Stimmen, deutliche Artikulation, Transparenz und überzeugende Homogenität, die vor allem im abschließenden "Ave verum" von Mozart zum Ausdruck kommet. Lindenthal strahlt in kleinen Gesten große Sicherheit aus, immer wieder findet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, das da und dort im Chor erwidert wird.

 

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Montag,
16. 10. 2006

 

 

Apokalyptische Orgelvisionen

Johannes Hämmerle begeisterte in Hohenems mit fantasievollen Klangbildern.

Fritz Jurmann

Hohenems (VN) Mit dem Dornbirner Johannes Hämmerle (31) eröffnete am Freitag einer der interessantesten jungen Organisten des Landes die diesjährigen Chor- und Orgeltage in Hohenems. An der klangprächtigen Gollini-Orgel von St. Karl demonstrierte der als Dozent am Landeskonservatorium tätige und als Spezialist für Alte Musik am Cembalo international gefragte Musiker brillante Virtuosität, zupackende Spielfreude und stilistische Kompetenz.
Im Mittelpunkt eines kontrastreichen Programms steht "Epiphaniai" (1988), eine fast halbstündige Meditation über die Apokalypse von Hämmerles Lehrer, dem Wiener Organisten Michael Radulescu. Gar schauerliche Klangballungen, harte Reibungen scheinen die Kirche in ihren Grundfesten zu erschüttern. Über langen Liegetönen und wummernden Bässen entfalten sich visionäre Steigerungen, münden in schmerzliche Dissonanzen, werfen existenzielle Fragen über die Schrecknisse des Weltuntergangs auf. Mit enormer Gestaltungskraft und Experimentierfreude gelingt dem Interpreten eine ebenso spannende wie beklemmende Deutung.
Eines der vitalsten Werke von Bach, Toccata und Fuge F-Dur, scheint dem Organisten in die Finger und in die Beine geschrieben, so klar und überlegen meistert er schwierigste Passagen auch im Pedal, legt in einer glasklaren Registrierung auch die genialen Strukturen des Stückes frei. Zur Entspannung dann aparte barocke Spielereien mit Echowirkung zwischen den Orgelwerken in der Choralbearbeitung "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ" von Vincent Lübeck.

In Farbigkeit schwelgen

Eine interessante Orgelsonate des Dänen Niels Otto Raasted rundet ab, gibt dem Organisten Gelegenheit, in aufbrausender spätromantischer Farbigkeit zu schwelgen, verstärkt in ihrer Wirkung durch die lange Nachhallzeit des Kirchenraumes.

 

 

 

Gemeindeblatt
Hohenems

vom 21. 10. 2006

 

Chor- und Orgeltage

Dieses Wochenende fanden die 16. Chor- und Orgeltage in der Pfarrkirche St. Karl statt.

Der Eröffnungsabend am Freitag wurde von Organist Johannes Hämmerle gestaltet, der ein vielseitiges Programm darbot, das von Johann Sebastian Bach bis Niels Otto Raasted reichte. Der zweite Konzertabend am Samstag wurde von mehreren Instrumenten getragen und stand ganz im Zeichen des Experiments: Neben der Gollini-Orgel, die von Jürgen Natter, Simon Peguiron und Benjamin Guélat gespielt wurde, ergänzte Markus Beer am Saxophon und Bassetthorn das Ensemble. Neben Werken von Dimitri Schostakowitsch, Hans-Ludwig Schilling und einer Improvisation wurde ein Werk des Hohenemser Komponisten Michael Floredo zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Seine Kontemplation über Matthäus 23 "Perpetuum Mobile" wurde von allen drei Organisten gleichzeitig dargebracht und stieß trotz des experimentellen Charakters auf viel Zuspruch der BesucherInnen.

Chor- und Orgelkonzert als Höhepunkt

Den Abschluss bildete traditionell ein großes Chor- und Orgelkonzert am Sonntagabend, welches vom ORF aufgezeichnet wurde. Der Kammerchor Feldkirch unter Leitung Martin Lindenthals, Elisabeth Zawadke an der Orgel und ein Auswahlorchester von Streichern gestalteten den fulminanten Höhepunkt der diesjährigen Konzertreihe. Neben Werken u. a. Arvo Pärts, Henry Purcells und Thomas Tallis´ stand ein besonderer, technisch anspruchsvoller Höhepunkt auf dem Programm: Das abschließende, auf höchstem Niveau dargebotene "Ave verum corpus" von W. A. Mozart riss das Publikum zu minutenlangem Applaus hin.

 

 

 

Vorarlberger
Nachrichten

vom Dienstag,
18. 10. 2005

 

 

Als junge Meister zurückgekehrt

Hochstehende Kammermusik gab es bei den Hohenemser Chor- und Orgeltagen.

Fritz Jurmann

Hohenems
(VN) Bei den Chor- und Orgeltagen in der Pfarrkirche werden Interpreten und Programme stets mit besonderer Liebe ausgesucht. So kommt, wie etwa beim Konzert am Samstag, Unverbrauchtes zu Tage, gibt es Entdeckungen für eine begeisterte Zuhörerkulisse.

Die Überraschung diesmal waren zwei Vorarlberger Musiker, die nach ihrer Ausbildung am Landeskonservatorium und am Mozarteum heute auswärts erfolgreich und jetzt als junge Meister ihres Faches nach Vorarlberg zurückgekehrt sind. Der Feldkircher Oboist Peter Tavernaro (34) unterrichtet an der Bruckner-Universität Linz, die Koblacher Organistin Judith Trifellner-Spalt (35) arbeitet als Kirchenmusikerin und Pädagogin in Bayern. Zusammen mit der in Zürich lebenden Flötistin Claire Genewein (35) bilden sie seit langem ein Trio, das sich auf hohem Niveau versteht, wovon allein die abschließende gemeinsame Improvisation zeugte.

Das Einzige, was man am Programm aussetzen kann, ist seine Länge mit über eineinhalb Stunden. Dennoch verliert sich die Spannung kaum bei einem stilistischen Bogen ins erfreulich stark vertretene 20. Jahrhundert.

Beeindruckend, wie klar, kompetent und technisch blitzsauber Trifellner-Spalt Bachs Toccata, Adagio und Fuge C-Dur gestaltet, nach wie vor das Maß aller Dinge im Orgelspiel, wie sie aber ebenso Duruflés farbenprächtiges Prélude, Adagio und Choral über "Veni Creator" zum virtuosen Klangerlebnis an der prächtigen Gollini-Orgel macht: jugendliche Kühnheit, gepaart mit gereifter Souveränität.

Dazwischen beweisen die beiden Bläser mit klanglicher Schönheit und aufregendem Raffinement, wie gut sich ihre Instrumente mit dem "Blas-Instrument" Orgel mischen: in Mozarts populärem Flöten-Andante, einer Triosonate von Bach, geschärften Piecen von Litaize und Alain. Besonders reizvoll, dargeboten im Altarraum, eine unbegleitete provencalische Hirtenmusik von Bozza für Flöte und Englischhorn.

Volltreffer zum Finale

Das sonntägliche Abschlusskonzert war ein Volltreffer, gab es doch mit dem exzellenten Wiener "Chorus sine nomine" ein Wiedersehen mit Freunden, deren international gerühmte Kunst man bereits vor zwei Jahren hier bewundert hatte.

Es schien, als sei der junge, 40-köpfige Konzertchor in dieser Zeit noch weiter gereift, gerundet, gefestigt. Johannes Hiemetsberger hat aus fantastischem Stimmmaterial ein hochsensibles Instrument herangebildet, erreicht damit traumhafte Ergebnisse an Klangschönheit und Wärme, Textdeutlichkeit und Intonationssicherheit.

Jahrhundertealte Chortradition konfrontiert er mit Raritäten der Gegenwart, setzt sie in Beziehung zueinander, etwa in Arvo Pärts archaischen "Magnificat Antiphonen", in Bo Holtens doppelchörigem "Regn og Rusk" nach Andersen, wo man die extreme Höhe der Solistin Theresa Dlouhy bewundert. Alexander Koller stellt den Contrapunctus I aus Bachs "Kunst der Fuge" vor, bevor 20 Stimmen, im Publikum verteilt, diesen nach Dieter Schnebel summen und brummen und damit faszinierende Wirkung erzielen.

 

 



NEUE
Vorarlberger Tageszeitung

vom Dienstag,
18. 10. 2005

 

"Sine nomine", aber mit atemberaubendem Können

15 Jahre gibt es die Chor- und Orgeltage Hohenems, die am Sonntagabend den exzellenten Chorus sine nomine aus Wien präsentierten.

Von Anna Mika

Schon vor zwei Jahren begeisterte der Chorus sine nomine in Hohenems. Am Sonntag folgte er gerne der Wiedereinladung in die Stadt, die sich zu einem musikalischen Zentrum entwickelt. Chormusik des 20. Jahrhunderts hatten die jungen SängerInnen aus Wien unter der Leitung von Johannes Hiemetsberger auf dem Programm, durchwegs solche, die hohe Virtuosität, lupenreine Intonation und oft solistische Sicherheit und Stimmführung verlangte.

So die "Sieben Magnificat Antiphonen" von Arvo Pärt mit ihren subtilen Reibungen. Oder das kantatenartige Chorwerk des Dänen Bo Holten mit dem Titel „Regn og Rusk og Rosenbusk“ - "Regen und Schauer und Rosenbusch", das dem Chor eigenwillige Tongebungen und der Sopransolistin (Theresa Dlouhy) astronomische Höhen abverlangt. Oder ein Chorstück, das Dieter Schnebel den "Contrapunktus I" aus Bachs "Kunst der Fuge" nachempfunden hat, das zwanzigstimmig ist und bei dem die SängerInnen unter dem Publikum im gesamten Kirchenraum verteilt waren.

Im Gegensatz dazu standen die kompakten Klänge von Johannes Brahms´ "Schaffe in mir, Gott ..." und dem 16stimmigen Werk "Es ist genug" von Sven David Sandström. "Genug" hatte das zahlreiche Publikum danach noch nicht. eine wiederum sehr anspruchsvolle Chorversion von Gustav Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen" und eine schlichte Fassung eines Liedes von Hugo Wolf waren der Dank für den herzlichen Applaus.

 

 

 

 


Treffpunkt Nr. 6/05
November 2005

 

15 jähriges Jubiläum der Chor- und Orgeltage

Mit dem ergreifenden Konzert des Chores SINE NOMINE am Sonntag, dem 16. Oktober, endeten die diesjährigen Chor- und Orgeltage, die damit auf 15 Jahre ihres Bestehens zurückblicken können.

Dem ersten der drei Konzerte am Freitag, dem 14. Oktober, ging eine Feierstunde voraus, die durch die Anwesenheit unseres Diözesanbischofs Dr. Elmar Fischer eine besondere Würdigung erfuhr.

In einem kleinen Rückblick erläuterte Prof. Edwin Wallmann die Gründe, warum diese Konzertreihe ins Leben gerufen wurde. Sie sollte ein tieferes Verständnis für qualitativ hochwertige sakrale Musik wecken und den Besuchern ein musikalisches Erlebnis bieten, dessen Wirkung auch über den Abend hinaus in den Alltag strahlen sollte.

Hilmar Häfele

 

 

 

 

Gemeindeblatt
Hohenems

vom 22. 10. 2005

15. Chor- und Orgeltage

Ein rundes Jubiläum konnten die Hohenemser Chor- und Orgeltage feiern, die von letztem Freitag bis Sonntag in der Pfarrkirche St. Karl stattfanden.

Im Beisein Bischofs Dr. Elmar Fischer wurde die diesjährige Konzertreihe am Freitag Abend traditionell mit einem Orgelkonzert eröffnet. Willibald Guggenmos, dessen internationale Konzerttätigkeit auch Kritiker der "New York Times" zu Lobeshymnen hinriss, gestaltete den ersten Abend der Jubiläumsreihe. Am Samstag wurde dann zum zweiten Konzert mit Claire Genewein (Flöte), Peter Tavernaro (Oboe) und Judith Trifellner-Spalt (Orgel) geladen.

Chor- und Orgelmusik auf höchstem Niveau

Traditionell fand als krönender Abschluss des Festivals ein großes Chor- und Orgelkonzert am Sonntag Abend statt. Pfarrer DDr. Thomas Heilbrun freute sich den Chorus Sine Nomine unter Leitung Johannes Hiemetsbergers anzukündigen, der schon vor zwei Jahren eine brillante gesangliche Leistung in der Pfarrkirche St. Karl bot. In einem technisch anspruchsvollem Programm, das neben Bach- und Brahms-Kompositionen mit Werken Arvo Pärts und Bo Holtens einen Schwerpunkt auf zeitgenössische nordländische Komponisten setzte, wusste der weitgereiste Chor zu überzeugen. Das abschließende "Es ist genug" Sven David Sandströms wollte das begeisterte Publikum nicht programmatisch auffassen: Der Chorus sine Nomine, der neben Glückwünschen zum 15-jährigen Jubiläum auch sein Lob an das "Chor- und Orgeltage"-Organisationsteam zum Ausdruck gab, bot noch mehrere, viel beklatschte Zugaben.

 

 

Bischofsbesuch

zum 15. Geburtstag

Die von der Pfarre St. Karl mit Initiator Edwin Wallmann und Peter Amann organisierten Chor- und Orgeltage wurden heuer bereits zum 15. Mal abgehalten.

Dem ersten der drei Konzerte am Freitag, dem 14. Oktober, ging deshalb eine kleine Feierstunde voraus, die durch die Anwesenheit von Diözesanbischof Elmar Fischer eine besondere Würdigung erfuhr.
In einem kleinen Rückblick erläuterte Prof. Edwin Wallmann die Gründe, warum diese Konzertreihe ins Leben gerufen wurde. Sie sollte ein tieferes Verständnis für qualitativ hochwertige sakrale Musik wecken und den Besuchern ein musikalisches Erlebnis bieten, dessen Wirkung auch über den Abend hinaus in den Alltag strahlen sollte. Der prachtvolle Kirchenraum mit all seinen Kunstschätzen und der klangschönen Gollini-Orgel fördern das Entstehen einer meditativen Stimmung, die uns hilft, Alltagsprobleme zu vergessen und innere Ruhe zu finden. Es wäre für die Initiatoren der Konzertreihe eine große Freude, wenn sehr viele Mitbürger diese Chance wahrnehmen würden, erklärt Hilmar Häfele in seinem Text.