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30. Hohenemser Chor- & Orgeltage

Presseberichte

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 13. Okt. 2020

Eine bewegende, klangschöne und abwechslungsreiche Interpretation

Händels „Israel in Egypt“ mit dem Chorus sine nomine zum Finale der Chor- und Orgeltage.

Hohenems Trotz seines (fehlenden) Namens zählt der Chorus sine nomine zu den namhaftesten Chören Österreichs. Es war deshalb eine besondere Freude, diesen Klangkörper zum Schluss der Hohenemser Chor- und Orgeltage mit Händels monumentalem Oratorium „Israel in Egypt“ hören zu dürfen. Das Werk stellt an den Chor hohe Anforderungen, er ist in 25 der 39 Nummern im Einsatz. Von seinem Gehalt her passt dieses Oratorium bestens in unsere Zeit: Im ersten Teil geht es um die Plagen, mit denen der Gott der Israeliten die Ägypter heimsucht, im zweiten um den Dank nach dem erfolgreichen Auszug. Von den trauerversonnenen tiefen Streicherklängen der Symphonia bis zum triumphalen Schlusschor folgte das Publikum konzentriert einer fast zweistündigen Aufführung. Geleitet von Johannes Hiemetsberger, dem Gründer und Dirigenten, gelang eine bewegende, ausnehmend klangschöne und abwechslungsreiche Interpretation, fließend und nie extrem in den Tempi. Vielleicht hätten manche Kontraste noch mehr geschärft werden können, aber das ist Geschmackssache.

Intonationssicher und präsent

Aus diesem Riesenwerk können nur ein paar Beispiele erwähnt werden: Im Seufzerchor (Nr. 2) bauten sich, eingeleitet von einem Solo der Altistin Marian Dijkhuizen, in stetiger Steigerung klagende Klangwellen zu imposanter Architektur auf, im Doppelchor „He spake the word“ rüttelten die heroischen Eingangsakkorde auf, bevor die lautmalerisch mit flirrenden Streichern gestalteten Fliegenschwärme die Zuhörer überwältigten. Im Hagel-Doppelchor überzeugten Chor und Orchester mit Klangfülle und harschen Akzenten. Umso unheimlicher wirkte dann der langsame Einbruch der Finsternis mit expressiven tiefen Streichern und dem Chor in leisestem Piano.

Über den Chor kann man nur Gutes schreiben: absolut intonationssicher, präsent bei den Einsätzen und vom pianissimo bis zum fortissimo immer klangschön, mit perlenden Koloraturen in den Fugen. Von den Solisten überzeugten die Altistin und die Soprane Elisabeth Wimmer und Johanna Rosa Falkinger ebenso wie die Bässe Maximilian Schnabel und Stefan Zenkl, lediglich der Tenor Sebastian Taschner ließ Wünsche offen. Concerto Stella Matutina erwies sich als präzises, stilsicheres und engagiertes Begleit­orchester. Wenn am Schluss die Prophetin Miriam von der Kanzel aus den finalen Lobgesang des Chores für Gott als Retter anstimmt, hat sich diese Zuversicht auch auf das bewegte und dankbare Publikum übertragen.

von Ulrike Längle

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Vorarlberger Nachrichten

vom Montag, 12. Okt. 2020

Diesmal war alles anders

Die Chor- und Orgeltage trumpften schon in den ersten beiden Konzerten ideenreich auf.

Hohenems Nicht selten war der Eröffnungsabend als reines Orgelkonzert wegen schlechten Besuchs ein Sorgenkind für die Veranstalter der Chor- und Orgeltage. Diesmal war alles anders, nicht nur wegen der Auflagen, sondern weil die prächtige Gollini-Orgel in der Pfarrkirche St. Karl zum 30-jährigen Jubiläum gleich drei Organisten des Landes zu einer jeweils 30-minütigen Präsentation ihres Könnens anvertraut wurde. Eine tolle Idee, dank derer diese herausragende Orgel des Landes mit ihrer Vielfalt der Klänge auch genügend Besucher anzog.

Angetreten sind dazu Organisten dreier Generationen: Christian Lebar (46), Barbara Salomon (22) und Rudolf Berchtel (59). Sieger gibt es keinen, weil es kein Wettbewerb ist. Alles wird ohnehin auf höchstem Niveau der Orgelkunst gespielt und registriert, allein die Unterschiede in Alter, Geschmack, Temperament und Programmwahl machen den Reiz der Vielfalt aus und lassen diese zwei Stunden für die Zuhörer absolut kurzweilig verstreichen. Dazu trägt auch die Radio-Moderatorin Bettina Barnay bei, die dem Publikum den Zugang zur Musik spielerisch erleichtert. Festivaldebütant Christian Lebar lässt besonders verblüffend Viernes impressionistische Irrlichter durch den Raum geistern und setzt den mächtigen Schlusspunkt mit Franz Schmidts Halleluja-Präludium. Barbara Salomon nimmt sich überlegen Mendelssohns strenge Sonate D-Dur vor und trumpft mit Buxtehudes „Magnificat“ klangprächtig auf. Rudolf Berchtel stellt ein originelles Stück Orgeljazz von Gardonyi vor und setzt mit der Rheinberger-Sonate Nr. 4 in Bezug auf Komplexität und Lautstärke dem Ganzen die Krone auf.

Atemberaubendes Niveau

Statt der Orgel steht tags darauf der großartige Landesjugendchor Voices im Zentrum, nach wie vor auf atemberaubendem Niveau, unerreicht in Power, Überzeugungskraft, Frische und Sauberkeit seines speziellen Chorklangs, ebenso auch von bestechender Disziplin. Gründer Oskar Egle steht kurz vor seinem Abschied nach 17 Jahren, doch mit unverdrossenem Einsatz und meisterhafter Gestaltungskunst wird er auch hier gleich zu Beginn zum Klangmagier. Er zerlegt und verfremdet mit seinen rund 75 im Kirchenschiff verteilten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gekonnt das frühbarocke Madrigal „O bone Jesu“ in seine Bestandteile und zaubert damit in der großräumigen Kirchenakustik den Sound einer „Emser Klangwolke“ aus dem Hut. Danach verströmt der Chor, in genau eingehaltenen Abständen zwischen den Sängern, mit anspruchsvollen A-cappella-Schätzen der Romantik wie Mendelssohns achtstimmigem Psalm „Richte mich Gott“ und Bruckners siebenstimmiger Motette „Ave Maria“ imponierend spirituelle Kraft. Das Kontrastprogramm bilden topaktuelle, aufregend coole, mit schrägen Jazzharmonien rhythmisch wirkungsvoll aufgepeppte Arrangements in enger Stimmführung, die längst Markenzeichen von Voices sind – alles auswendig!

Doch es gibt noch eine Steigerung, zum Finale auf der Empore. Oskar Egle führt bombensicher durch das Abenteuer des 1974 entstandenen „Gloria“ des Briten John Rutter, einer berühmten 20-minütigen modernen Vertonung des lateinischen Messtextes. Das speziell für den Chor fordernde Werk, angereichert mit brillanten Bläsern von „Sonus Brass“, Schlagzeug und dem überlegenen Helmut Binder an der Orgel, wird mit scharfen Akzenten und verinnerlichter Gläubigkeit zum Feuerwerk moderner Sakralmusik. Es sind Höreindrücke „Zwischen Himmel und Erde“, so das Motto des Abends, die man so rasch nicht vergisst, ein Highlight in der Geschichte des von der Pfarre St. Karl veranstalteten Festivals. Das lässt sich auch die Prominenz mit Landeshauptmann, Kulturlandesrätin und Bürgermeister an der Spitze nicht entgehen und feiert mit der vorgeschriebenen Anzahl von Zuhörern die Mitwirkenden mit Standing Ovations.

von Fritz Jurmann

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vorarlberg.ORF.at

vom Sonntag, 11. Okt. 2020

Chor- und Orgeltage feiern 30-Jahr-Jubiläum

Die Hohenemser Chor- und Orgeltage haben an diesem Wochenende ihr 30-Jahr-Jubiläum gefeiert. Coronavirusbedingt gab es viele Sicherheitsvorkehrungen für Musiker und Publikum. Auch wenn sich die Organisatoren das Jubiläum ursprünglich anders vorgestellt hatten – die Musik begeisterte.

„Zwischen Himmel und Erde“ war das Motto des Konzerts am Samstagabend, musikalisch gestaltet vom Jugendchor „Voices“ unter der Leitung von Oskar Egle, dem Bläserensemble „Sonus Brass“ und Organist Helmut Binder. Das Konzert am Samstag war eines von drei Konzerten der Hohenemser Chor- und Orgeltage.

Für den Jugendchor „Voices“ war es ein besonderer Auftritt: der erste nach dem Lockdown im März mit nur wenigen Proben. „Aufregend ist vor allem, dass man schwierige und komplizierte Auflagen zu erfüllen hat, die die Arbeit sehr erschweren“, so Chorleiter Oskar Egle. „Aber das nimmt man eigentlich schon gerne in Kauf, wenn man endlich wieder singen kann und endlich wieder gemeinsam Musik machen kann.“

Hohe Einkommensverluste

Die Hohenemser Chor und Orgeltage sind jedes Jahr ausverkauft. So auch heuer – nur dürfen in der riesigen spätbarocken Kirche statt der üblichen 500 Besucher nur 250 Interessierte Platz nehmen. Wie hoch die Einkommensverluste sein werden, ist noch offen – und auch, wer sie übernimmt.

Organisatoren und Musiker sind froh, dass die Chor- und Orgeltage überhaupt stattfinden konnten. „Wir kämpfen – und wenn die Ampel nicht auf Dunkelrot geht, dann ziehen wir das durch“, so Kurator Christoph Wallmann am Samstag: „Beim ersten Konzert, beim ersten Ton, da ist mir der Stein vom Herzen gefallen. Da habe ich gedacht, jetzt haben wir es geschafft, wir können es durchführen. Diese Freude überwiegt momentan.“

Gollini-Orgel als Geschenk

Begonnen haben die Hohenemser Chor- und Orgeltage vor 30 Jahren mit einem Geschenk, der Gollini-Orgel. Initiiert wurde die Konzertreihe von Edwin Wallmann, dem Vater des heutigen Kurators. Sein Vater sei Organist und Chorleiter gewesen, so Christoph Wallmann, „und der hat immer eine Verbindung gesehen und gesagt, nur die Orgel allein ist zu wenig, wir wollen auch Chöre“. Diesem Konzept sind die Verantwortlichen nun seit 30 Jahren treu geblieben.

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von vorarlberg.ORF.at, red

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 14. Okt. 2019

Chorereignis von internationaler Spitzenklasse

Die 29. Chor- und Orgeltage boten am Wochenende eine Vielfalt von Eindrücken.

Hohenems Kürzlich ist der prominente Kirchenmusiker Prof. Edwin Wallmann 97-jährig verstorben, der sich 1990 mit der Gründung seiner Chor- und Orgeltage ein Lebenswerk geschaffen hat. Das jährliche dreiteilige Festival hat sich im Emser Kulturleben längst zum begeistert aufgenommenen Erfolgsgaranten etabliert, bei dessen Entwicklung Wallmanns Sohn Christoph und Peter Amann als Kuratoren stets ein gutes Händchen bewiesen haben. Mit der Verpflichtung des Graubündner „cantus firmus surselva“ unter Clau Scherrer aber ist ihnen am Sonntag ein Chorereignis der internationalen Spitzenklasse geglückt, das wohl in die Geschichte dieser Konzertreihe eingehen wird. 300 Menschen in St. Karl waren total hingerissen.

Es war für den Veranstalter freilich ein Griff nach den Sternen, der sich über drei Jahre hinzog, bis auch die letzten finanziellen Dinge dank des verständnisvollen Chorleiters geklärt waren. Denn Scherrer wollte nach seinem Debüt von 2014 unbedingt wieder vor diesem Publikum und in diesem besonderen Ambiente auftreten, diesmal mit Rossinis wunderbarer „Petite Messe solennelle“. Das Werk ist entgegen seines Namens gar nicht „petit“, also klein, sondern ein 90-minütiges respektables Chorwerk von höchsten Ansprüchen an die 35 Sängerinnen und Sänger, die im Halbrund den Altarraum füllen. Clau Scherrer, den man im Land seit Jahren durch seine Konzerte bei Concerto Stella Matutina als eloquenten Chorleiter überaus schätzt, beweist auch hier, wie man mit minimalem Aufwand und größter Ruhe die Wirkung eines strahlend flexiblen und wortdeutlichen Chorklanges voll Präzision erzeugt, der diesem Werk gerecht wird.

Als Beispiel mag die Schlussfuge des Gloria gelten, die mit messerscharfer Konsequenz in den kontrapunktisch geführten Stimmen mit einer Klarheit und Kompetenz wie ein Blitz einschlägt. Ein tief gläubiges Credo, das im milden Licht erstrahlende Sanctus und ein eindringlich bittendes Agnus Dei ergeben ein Bild von großer Geschlossenheit, das ein tief ergriffenes Auditorium zurücklässt. Große Teile des Werkes sind auch dem Solistenquartett übertragen, das mit dem unglaublich souverän leuchtenden Sopran der am Konservatorium ausgebildeten Graubündnerin Letizia Scherrer sein Aushängeschild hat. Aber auch der tragende Alt von Barbara Erni, der höhensichere Tenor von Martin Mairinger und der erst am Konzerttag eingesprungene Bass Konstantin Ingenpass sind nicht von schlechten Eltern. Besondere Effekte ergeben sich durch die vom Komponisten gewollte ungewöhnliche Begleitung. Am Flügel fühlt sich der langjährige beliebte Konservatoriums-Professor Ferenc Bognár mit großem Einfühlungsvermögen sichtlich wohl, einem historischen französischen Harmonium von 1903 entlockt der Zürcher Mark Richli fauchende und nostalgisch wirkende Klänge.

Den Auftakt der Konzertreihe macht der in Lustenau wirkende Organist Michael Schwärzler mit einem sorgfältig registrierten, großteils barocken Programm an der Gollini-Orgel. Der Samstag mit gemischtem Programm als „Orgel plus“ wird zur Inszenierung, bei der durch gezielte Lichteffekte der gesamte Kirchenraum von der Empore bis zum Altar bespielt wird. So bläst der 31-jährige Bregenzerwälder Trompeter Jodok Lingg mit samtweichem Ton einen Orgelchoral von der Kanzel herab. Der einstige Meisterschüler bei Herbert Walser-Breuss am Kons, der seither eine vielfältige Unterrichts- und Konzerttätigkeit entwickelt hat, ist die Entdeckung des Abends in einem Programm, das zudem von der als feste Größe im heimischen Musikleben verankerten Sopranistin und Pädagogin Birgit Plankel und der herausragenden Musikerpersönlichkeit von Domorganist Johannes Hämmerle bestimmt wird.

Ein einstündiges Programm kostet die Vielfalt der Besetzungsmöglichkeiten aus, mit barocker und moderner Literatur von der Empore herab und kammermusikalisch barocken Arien im Altarraum, bei denen der Vokalpart intensiv mit der Trompete korrespondiert. Jodok Lingg meistert die Tücken seiner heiklen ventillosen Naturtrompete bravourös, Johannes Hämmerle residiert als Continuo mit Gelassenheit an der Truhenorgel. Birgit Plankel überzeugt erst mit Max Regers Lied vom schlafenden Jesuskind.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 16. Okt. 2018

Faszinierend: Rezitation trifft auf Improvisation

Die Hohenemser Chor- & Orgeltage punkteten heuer mit neuen Impulsen.

Hohenems Die 28. Ausgabe dieses kleinen, feinen Festivals am Wochenende in St. Karl wurde diesmal zur besonderen Kostbarkeit, vor allem im zweiten der drei Konzerte. Zwischen einem nach Publikumsmeinung der schönsten Orgelkonzerte der letzten Jahre mit Wolfgang Kogert aus Wien und dem Auftritt des Marktoberdorfer Chores überraschten die Kuratoren Peter Amann und Christoph Wallmann mit der hier völlig neuartigen Idee einer dichten Collage aus Rezitation und Improvisation.

Dieser exklusive Mix zum Thema „Veränderungen – von den Möglichkeiten des Lebens“ wurde von zwei heimischen Künstlern erdacht und umgesetzt. Gudrun Erath, eine aparte Erscheinung, ehemals sympathische Radiostimme beim ORF Vorarlberg, hat diese Disziplin bei einem Meister wie dem Schauspieler Kurt Sternik erlernt und dies in ihre eigene, gepflegte Sprechkultur umgesetzt. Es ist eine Freude ihr zuzuhören, wie klug und feinsinnig sie die Vorlagen nuanciert, zurückhaltend große Präsenz entwickelt. Auch ihre Textauswahl, mit philosophisch-religiösen Betrachtungen als einer Art Leitlinie, zeugt von erlesenem Geschmack.

Günther Fetz an der Gollini-Orgel löst dabei brillant die Aufgabe, in spontan entstehenden Improvisationen die Stimmung, das Wesen, den Kern dieser Texte zu illustrieren, mehr noch: musikalisch zu deuten, zu hinterfragen. Und es ist faszinierend zu erleben, wie er dabei Klangpracht und Farbenvielfalt dieses Instruments zusammen mit seiner überbordenden schöpferischen Fantasie als dichten Teppich webt, meist kommentierend nach den Texten, manchmal auch melodramatisch ineinander fließend. Seine Tonsprache ist im modernen Kirchenmusikstil mit Elementen der Gregorianik angereichert, oft meditativ, nur selten geht er, wenn das Thema es erfordert, mit einstürzenden Klängen darüber hinaus. Etwa bei der beklemmenden Geschichte „Und es begab sich …“ von H.C.G. Lux von der Geburt Jesu, in der statt des Sterns von Bethlehem urplötzlich Kampfraketen am Himmel erscheinen, die das Geschehen an den aktuellen Kriegsschauplatz Syrien verlagern und die Heilige Familie zu Flüchtlingen werden lassen. Das Gebet der Teresa von Avila erhält eine choralartige Entsprechung, das berühmte „Hohe Lied der Liebe“ aus dem Alten Testament weiche, warme Töne und Charlie Chaplins tiefgründige Erkenntnis „Als ich mich selbst zu lieben begann“ hellstimmig bewegte.

Der bei vielen Chören begehrte Sonntagabend-Termin des Festivals ist heuer erstmals dem bei uns unbekannten Carl-Orff-Chor Marktoberdorf im Allgäu anvertraut. Mit seinem jungen, temperamentvollen Leiter Stefan Wolitz haben sich die 42 Sängerinnen und Sänger auf moderne A-cappella-Literatur spezialisiert und setzen dies mit einer Auswahl internationaler geistlicher Literatur des 20. Jahrhunderts imponierend um. Umwerfend in seiner packenden Strahlkraft gleich das „Laudes creaturarum“ ihres Namensgebers, von getragener Feierlichkeit in leicht geschärfter Harmonik die Motette „Ubi caritas“ des Walisers Paul Mealor, die 2011 zur Hochzeit von William und Kate in Westminster erklungen ist. Hervorstechend sind der geschlossene Klang, die blitzsaubere Intonation auch bei deutlichen Reibungen und Akkordspannungen wie dem achtstimmigen „Angelius suis“ des Litauers Vytautas Miskinis, ebenso die Präzision eines Uhrwerks, mit der das rhythmisch vertrackte „I cannot dance, o Lord“ des Amerikaners Aaron Jay Kernis exekutiert wird. Besonderen Wert legt der Chorleiter auf eine ausgefeilte Dynamik, die immer wieder ein wunderbares Piano hervorbringt, und auf die gerundeten Schlussakkorde.

Als die Sänger mit ihrer Zugabe das Publikum im Kirchenraum quasi einrahmen und so einen besonderen Quadro-Effekt erzielen, ist die Begeisterung groß. Diese bezieht sich auch auf den exzellenten deutschen Organisten Harald Geerkens. Nach Kerlls Barockspielereien mit dem Kuckuck und einer packenden Buxtehude-Toccata nimmt er in zwei mächtigen g-Moll-Werken den großen Bach einfach beim Wort.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Tageszeitung

vom Dienstag, 17. Okt. 2017

„Immortal Bach“ in der Kirche St. Karl

Bei den 27. Chor- und Orgeltagen in Hohenems gab es am Wochenende einiges zu hören.

Zum dritten Mal bereits war das EsembleCantissimo unter seinem Gründer und Leiter Markus Utz zu Gast bei den Hohenemser Chor- und Orgeltagen in der Pfarrkirche St. Karl. Nach zwei Orgelkonzerten von Johannes Hämmerle am Freitag sowie Helmut Binder gemeinsam mit dem Hornisten Lukas Rüdisser am Samstag stellte der Chor abschließend Johann Sebastian Bach in den Mittelpunkt seines Programms „Immortal Bach“. Eine interessante klangliche Erweiterung erlebte das Publikum durch die Mitglieder des Raschèr Saxophone Quartetts.

Altes und Neues. Vor zehn Jahren hatten die geschulten und rein intonierenden Stimmen des Projektchors, dessen Mitglieder aus Süddeutschland und der Schweiz kommen, schon einmal die doppelchörigen Motetten von Bach aufs Programm gesetzt. Nun überließen sie in der schwingend bewegten Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ dem Saxophonquartett die Gestaltung des zweiten Chors. Das funktioniert überraschend gut, zumal die Saxofonistin und ihre drei Kollegen, die die Tradition der Ursprungsbesetzung weitertragen, schlank und sprechend artikulieren. Doch bringt es die hallige Kirchenakustik mit sich, dass die Sänger zum Teil von den Bläsern überdeckt oder dominiert werden. Alt und neu verbanden sich auf interessante Weise in den „War-Dreams“ von Zachary Wadsworth, dessen vielschichtige Cluster und Reibungen gleichsam von den fließenden, tröstenden Klängen einer Motette des Renaissancekomponisten William Byrd aufgehoben werden. Schön wäre es hier gewesen, einen Text bei der Hand zu haben.

Alt und neu begegneten sich auch in den solistischen Beiträgen des Saxophonquartetts: „Abschied“ von Krzysztof Penderecki ist ursprünglich für Klarinette und Streicher und wurde von einem früheren Mitglied der „Raschèrs“ bearbeitet. Intensive, dichte Klänge, Chromatik und klagende Töne wirken zusammen, werden gesteigert, aufgelöst und neu verbunden. Wie modern, komplex und rätselhaft Bachs Musik an sich und in ihrer Wirkung auf zeitgenössische Komponisten ist, erlebt man einerseits mit einer geführten chorischen Improvisation über die erste Choralzeile von „Komm, süßer Tod“, in der das Publikum in den Raumklang und die schwebenden Klänge der Chorensembles eintauchen konnte. Mit großem Atem und plastischer Gestaltung formten die Bläser einen Satz aus Bachs „Kunst der Fuge“.

Bevor sich Bläser und Chor mit der Bitte um Frieden aus der h-Moll-Messe erneut in eindringlichen Linien vereinigten, zeigten die Sänger mit fünf Spirituals aus Michael Tippetts „A childofour time“ ihre Flexibilität und Klangfülle. Für eine gute Stunde konnten sich die Zuhörer von der ebenso harmonischen wie aufrüttelnden Musik gefangen nehmen lassen und dankten mit anhaltendem Applaus.

von Katharina von Glasenapp

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Vorarlberger Nachrichten

vom Montag, 16. Okt. 2017

Trotz Tücken klar ausgeführte Dialoge

Horn und Orgel bildeten ein seltenes Festivalgespann

Hohenems Peter Amann und Christoph Wallmann, die beiden Kuratoren der Chor- und Orgeltage, sind auch bei strenger Wahrung ihrer 27-jährigen Tradition immer noch für Überraschungen gut. Bei der jüngsten Ausgabe ihres kleinen Festivals am zweiten Oktober-Wochenende präsentierten sie beim Konzert unter dem Motto „Orgel plus“ erstmals die selten anzutreffende Kombination von Horn und Orgel. Mit Lukas Rüdisser und Helmut Binder waren für diesen Bereich auch zwei kompetente Musiker am Werk, die den Abend zum Erfolg machten.

Rüdisser (33) kennt man zwar als Mitglied im Horn-Register des SOV, solistisch war er bis jetzt im Land eine unbekannte Größe. Das hängt damit zusammen, dass der vielfach bei Wettbewerben ausgezeichnete gebürtige Bregenzer seinen Lebensmittelpunkt nach München verlegt hat, wo er nach der Ausbildung am Landeskonservatorium Feldkirch bei verschiedenen Ensembles kammermusikalisch und solistisch tätig ist. Binder (56) ist seit 2010 Professor für Orgel am Konservatorium, hat internationale Verpflichtungen und ist seit Urzeiten eine feste Größe in der Szene des Landes.

Markanter Schlusspunkt

St. Karl in Hohenems hat einen mächtigen Kathedralhall, der nicht ohne Tücken ist. Binder sollte den Umgang damit eigentlich gewohnt sein. Dennoch braucht es eine Zeit der Eingewöhnung, bis er sich solistisch und im Zusammenspiel mit dem Hornisten diesen ungewöhnlichen äußeren Umständen angepasst hat. So klingen die beiden Orgelwerke von Bach, ein Konzert und das Trio über „Allein Gott in der Höh´sei Ehr“ und eine Sonate von Vivaldi für Horn auch durch teils überzogene Tempowahl unter diesen Bedingungen etwas überhastet und unscharf. Erst ein Adagio und ein Allegro aus einer Sonate von Händel bringen die Erlösung in einer ruhigeren, entspannten Darbietungsweise. Die klanglich fein abgestimmten, klar ausgeführten Dialoge zwischen den beiden „Blasinstrumenten“ machen nun ohne Einschränkung auch beim Zuhörer Eindruck. Das Horn ist ja traditionell das bevorzugte Instrument der Romantik, und so widmet Lukas Rüdisser auch seine beiden letzten Werke dieser Epoche. In einem „Gebet“ von Bernhard Müller und einem Stück aus Mendelssohns Oratorium „Elias“ entfaltet er wunderbar sanglich seinen vollen, runden Ton, mit sicherem Ansatz und ohne den kleinsten der bei diesem Instrument besonders gefürchteten Kiekser. Helmut Binder erweist sich dazwischen als überlegener Meister auch der prächtigen Hohenemser Gollini-Orgel. In der zupackend gespielten „Toccata Mauritiana“ und den in weichen Stimmen ausgedeuteten Meditationen über Mozarts „Ave verum“ erweist er seinem Lehrer Peter Planyavsky alle Ehre und setzt technisch überlegen mit der mächtig aufrauschenden, stark chromatisch angereicherten Toccata von Rheinberger einen markanten Schlusspunkt.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 18. Okt. 2016

Klänge jenseits aller gängigen Vorstellungen

Der „Chorus sine nomine“ beweist, wie gut Brahms-Motetten und Gospels harmonieren.

Hohenems Noch niemals in der 25-jährigen Geschichte der Chor- und Orgeltage wurde ein Chor dreimal eingeladen. Der Wiener „Chorus sine nomine“ („Chor ohne Namen“), mit dem man seit seinen großartigen Auftritten 2003 und 2005 freundschaftlich verbunden ist, revanchierte sich für diese Ehre am Sonntag vor einer gewaltigen und begeisterten Zuhörerkulisse in der Kirche St. Karl mit einem Konzert, das neben höchster Qualität auch enormen Mut in der Programmgestaltung zeigte.

Das muss sich erst einmal jemand trauen, zwei so gegensätzliche Elemente wie Brahms-Motetten und afro-amerikanische Gospels miteinander zu verflechten wie Johannes Hiemetsberger, der den heutigen Spitzenchor vor 25 Jahren gründete. Doch eigentlich wurde damit nur das Konzept des Vorabends fortgesetzt, der Dialog zwischen christlicher und jüdischer Kultur. Hier ist der Text das verbindende Element. Bibelstellen, die in Brahms´ Vertonungen eine starke spirituelle Überhöhung erfahren, finden ihre Entsprechung in den Spirituals als tief religiöse Hilferufe der geknechteten Sklaven im alten Amerika. Und da ist dann kein großer Unterschied mehr zwischen „O Heiland, reiß die Himmel auf“ und „Nobody knows the troubleI´ve seen“.

Mitsingen und mitswingen

Überflüssig zu erwähnen, dass sich die Umsetzung dieser Idee auf einem Niveau, in einer Klangkultur bewegt, die weit jenseits aller gängigen Vorstellungen eines gepflegten Chorgesanges liegen. Unglaublich die Geschlossenheit und Präzision des Chorklanges, aus dem keine der knapp 50 vorwiegend jungen Stimmen heraussticht. Ihre Treffsicherheit und Reinheit sind unbegreiflich, bei der religiös verbrämten Harmonik eines Brahms ebenso wie in den klangvollen Spiritual-Arrangements mit ihren jazzigen „closeharmonies“. Es sind aber auch Kraft, Ausdrucksfähigkeit und Dynamik, die bei diesem Ensemble, seinen qualifizierten Solostimmen und seinem charismatischen Leiter begeistern, ebenso die lässige Eleganz, mit der die Akteure sich während des Singens bewegen. Für aufregende Momente sorgt als „specialguest“ die aus Ruanda stammende, hinreißend präsente junge Gospelsängerin und Schauspielerin Marie-Christiane Nishimwe, die mit stimmlicher Urgewalt die Zuhörer in ihren Bann schlägt und zum Mitsingen und Mitswingen animiert.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Tageszeitung

vom Dienstag, 18. Okt. 2016

Kulturübergreifend: Brahms und Spirituals

Das dritte Konzert der Chor- und Orgeltage in Hohenems brachte den „Chorus sine nomine“

Scheinbar Fremdes zu verbinden, liegt in der Kulturszene im Trend, aus Gründen, die kaum näherer Erklärung bedürfen. So hat auch der „Chorus sine nomine“ aus Wien ein derartiges Programm erarbeitet, das er neben Linz, Wien und Innsbruck am Sonntagabend auch in der Pfarrkirche St. Karl in Hohenems erklingen ließ. Es verbindet Motetten des Romantikers Johannes Brahms mit Negro-Spirituals, Musik des norddeutschen Protestanten also mit den Gesängen der Schwarzafrikaner, die in Amerika als Sklaven missbraucht wurden. Beide Musikstile halten sich an Texte aus der Bibel, und nicht nur die schwarzen Sklaven haben Leid erlitten, sondern auch Brahms, der in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist – wobei der Vergleich gewagt ist.

Der Chorus sine nomine unter seinem Gründer und Leiter Johannes Hiemetsberger bringt Brahms und Spirituals abwechselnd und somit im direkten Vergleich. Seinen ersten Auftritt absolviert die Truppe aus dem hinteren Teil der Kirche schreitend, man hört Murmeln, Wort- und Melodiefetzen eines der bekanntesten Spirituals „Nobody knows the trouble I´ve seen“. Dann, vorne angekommen folgt Brahms´ Vertonung „O Heiland, reiß die Himmel auf“, jede Strophe des beliebten Adventliedes ist kunstreich gesetzt.

Ein voller Klang, in dem dennoch jede Stimme gut vernehmbar bleibt, zeichnet die Interpretation dieser wie weiterer Motetten durch den Chorus sine nomine aus, jedoch könnte die Wortdeutlichkeit besser sein. Diese lässt aber nicht bei den Spirituals zu wünschen übrig. Hier gestalten die großteils jungen Sängerinnen und Sänger äußerst plastisch und erfreuen durch fabelhaft dargebotene Soli.

Die Solisten

Als Solistin namentlich genannt war Marie-Christiane Nishimwe aus Ruanda. Sie interpretiert sehr kultiviert einige Spirituals solistisch. Wer sich von ihr erdig-afrikanischen Sound erwartet hatte, musste umdenken. Marie-Christiane hat in Luxemburg und Wien studiert und singt somit nach europäischer Art. Das letzte Lied „Amazing grace“ sangen sie und der Chor zusammen mit dem ganzen Publikum. Klar, dass es da Standing Ovations der voll besetzten Kirche gab und der Chor noch zwei Zugaben darbot.

von Anna Mika

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 17. Okt. 2016

Musik sucht den Dialog und überwindet Kulturgrenzen

Chor- und Orgeltage bewähren sich als Brückenbauer zwischen den Religionen.

Hohenems Nichts weniger als einen Dialog zwischen der christlichen und der jüdischen Religion in Form eines Konzertprogramms hatten sich die Kuratoren der Chor- und Orgeltage heuer zur 25-Jahr-Feier ihres Festivals vorgenommen. Das Experiment ist auf spannende Weise gelungen, der Funke übergesprungen. Die Idee hinter diesem Konzert wurde am Samstagabend wohl allein aus dem Umstand deutlich, mit welcher Begeisterung der Direktor des Jüdischen Museums, Hanno Loewy, zum ebenfalls 25-jährigen Bestehen seines eigenen Hauses im Kirchenchor von St. Karl mitgesungen hat, Schubert auf hebräisch, Rheinberger auf deutsch.

Sulzers Melodienreichtum

Den Anstoß zu diesem Programm „Shalom – Kirche trifft Synagoge“ gaben die beiden Wiener Musiker Semjon Kalinowsky, Viola, und Franz Danksagmüller, Orgel, die nun mit speziell ausgewählten, hochromantischen Musikstücken für diese seltene Besetzung einen geschlossenen Bogen über diesen Abend spannen und dabei bald ein ganz eigenes, wohliges Flair zu erzeugen verstehen. Der dunkle, warme Klang der historischen Viola von 1817 entfaltet sich unter den kundigen Händen des Bratschisten traumhaft sauber und sprechend in der weiten Kirchenakustik, mischt sich ideal mit der präsenten, farbenreichen und nie zu lauten Begleitung an der Gollini-Orgel. So wird in dieser Besetzung ein Präludium von Joseph Gabriel Rheinberger in satter, chromatisch angereicherter Klanglichkeit einer Sarabande von Joseph Sulzer gegenübergestellt, die in ihrem samtenen Melodienreichtum und ihrer Qualität gut und gerne auch von Brahms oder Schumann stammen könnte. Es ist die Bearbeitung eines originalen Violoncello-Stücks des als Philharmoniker-Cellist bekannten Sohns des jüdischen Hohenemser Kantors Salomon Sulzer. Dagegen wirkt Joseph Sulzers Orgelpräludium, registriert wie ein Harmonium, etwas bemüht. Das schwermütige „Kol Nidre“ als berühmtes Beispiel jüdischer Musik erklingt in der gängigen Fassung von Max Bruch zunächst als Duo in emotionaler Dichte, dann als Orgel-Passacaglia und Fuge von Siegfried Würzburger in fantasiereicher Auszierung mit mächtigem Schluss. Franz Danksagmüller ist auch in seinen Solostücken ein Organist, wie man ihn sich in dieser Klarheit, Übersicht und Kompetenz des Spiels nur wünschen kann. Schon zuvor hat er mit einer eigenen Improvisation aufhorchen lassen, die wie der Start eines Schwerlasters wummert, sich zu geschärfter Tonalität aufschwingt, gekonnt mit der Drosselung der Luftzufuhr spielt und damit die satte Romantik dieses Abends etwas aufmischt.

Eine Sternstunde

Eine Sternstunde ist vom Kirchenchor Hohenems zu vermelden, der zu diesem Anlass unter seinem langjährigen Leiter Wolfgang Schwendinger weit über seinen Horizont hinauswächst, und das fast ohne Aushilfen. Offenbar wurden die Sänger beflügelt durch Schuberts 92. Psalm, der von diesem Chor bereits im zweiten Schubertiade-Jahr 1977 mit Hermann Prey und 1990 für einen TV-Film über Salomon Sulzer mit Oliver Widmer als Solist aufgeführt worden war, so ausgewogen, klangschön und sauber, wie das hier klingt. Auch der besonderen Anforderung der hebräischen Sprache wird der Chor ausdrucksvoll gerecht: Weil die Sänger ganz einfach wissen, was sie singen. Wolfgang Schwendinger hat hier ganze Arbeit geleistet, sein Neffe Michael J. Schwendinger ist mit seinem eher hohen Bass-Bariton ein absolut würdiger Nachfolger der genannten früheren Solisten. In diesem Geist erklingen als christliches Gegenstück Rheinbergers Mottete „Bleib bei uns, Herr“ und als Zugabe Bruckners „Locus iste“. Standing Ovations der fast vollbesetzten Kirche für alle Mitwirkenden.

Ein Abend unter ganz besonderen Vorzeichen, mit dem Hohenems sich erneut seiner eigenen, Jahrhunderte zurückreichenden jüdischen Tradition besonnen und sie in unsere Zeit herübergeführt hat.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 13. Okt. 2015

Die Klangarchitektur Bruckners als Pfeiler des Glaubens

Chor- und Orgeltage-Festival feierte mit rund tausend Besuchern sein 25-Jahr-Jubiläum

Hohenems Eindrucksvoller, als es die Chor- und Orgeltage am Wochenende taten, lässt sich für ein Festival, das sich der geistlichen Musik verschrieben hat, ein 25-Jahr-Jubiläum nicht feiern. Rund eintausend Besucher in der Kirche St. Karl sind wohl der beste Beweis für die durch hohe Qualität und religiöse Verankerung vorgegebene Attraktivität des Programms an diesen drei Tagen.

Nach Beeindruckendem mit der ungemein talentierten 17-jährigen Bludenzer Organistin Barbara Salomon und aufregenden Experimenten zwischen Orgel und Handorgel mit Goran Kovacevic und Paolo D´Angelo bildete das Chor- und Orchesterkonzert am Sonntag den heuer besonders spektakulären äußeren Höhepunkt, zugleich auch das geistig verinnerlichte Zentrum dieses Festivals. Aufgeboten für diesen Anlass ist ein insgesamt 120-köpfiges Ensemble. Davon sind über 70 erfahrene Sängerinnen und Sänger der Chorakademie Vorarlberg, mit der man in Hohenems seit ihrem hiesigen Auftreten im Jahr 2011 befreundet ist, dazu die Sinfonietta Vorarlberg. Im Mittelpunkt steht der seit 2007 als Domkapellmeister von St. Stephan in Wien amtierende Markus Landerer (39), der der sich auch nach seinem Abgang aus Vorarlberg trotz seiner großen Aufgaben in Wien noch für ein jährliches großes Projekt an seiner früheren Wirkungsstätte jeweils im Jänner Zeit nimmt.

Bruckner Messe

Zum Jubiläum in Hohenems ließ er sich zu einem außertourlichen Konzert bewegen und hat mit sicherem Instinkt dafür die Sakralmusik Anton Bruckners ausgewählt. Dessen erste große Messe in d-Moll (1864) schien ihm am Beginn in ihrer Strenge und Komplexität das rechte.

Das Orchester steht dem in nichts nach, spielt seinen Part verlässlich, klangschön und dynamisch und hat mit Klaus Nerdinger einen sicheren Konzertmeister und Sologeiger. Die temperamentvolle ungarische Sopranistin Tünde Szabóki, die innig verhaltene israelische Altistin Anna Haase, der gepflegte englische Tenor Stephen Chaundy und der noble deutsche Bass Thomas Dobmeier haben größere Aufgaben erst im „Te Deum“ zu erfüllen, ergeben als routiniertes Quartett aber einen homogenen Eindruck. Das Publikum feiert alle lange und herzlich.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Tageszeitung

vom Dienstag, 14. Okt. 2014

Schweizer Klangwelten

Die 24. Hohenemser Chor- und Orgeltage boten Musik, die unter die Haut ging

Das rätoromanische Liedgut zu pflegen, liegt dem Chor cantus firmus surselva am Herzen. Dies tut er allerdings nicht, indem er sich von Anderem abgrenzt, sondern im Gegenteil: Er bezieht es mit ein. So sangen die zehn Damen und zehn Herren aus dem oberen Vorderrheintal in Graubünden bei ihrem Konzert in Hohenems in insgesamt sechs Sprachen. Das Konzert war Teil der 24. Hohenemser Chor- und Orgeltage. Zu den vier Sprachen der Schweiz kamen Latein und Englisch. Das beweist eine erstaunliche Souveränität dieser durchwegs noch eher jungen Sängerinnen und Sänger, und noch dazu sangen sie einige der rätoromanischen Lieder auswendig.

Lupenrein

Das wäre an sich schon bemerkenswert, aber cantus firmus surselva beglückte das zahlreich erschienene Publikum zudem durch seine wunderbar strahlenden Stimmen und durch eine lupenreine Intonation. Beides brachte die Klänge zum Schwingen, sie gingen unter die Haut und strömten direkt in die Herzen der Zuhörer und Zuhörerinnen.

Glücklichmacher

Sieht man ab von zwei Gesängen des Romantikers Camille Saint-Saëns, so stammte alles Dargebotene an diesem Abend aus dem 20. und 21. Jahrhundert, zuweilen volksliedhaft, mitunter aufgewühlt und manches Mal atonal. Doch immer bestachen die von Clau Scherrer einstudierten und geleiteten Sängerinnen und Sänger durch ihre Phrasierung, die die musikalischen Bögen organisch aufbaute und zurückführte, immer lebendig, immer spannend und doch nie überspannt. Im Gegenteil strahlte dieses Konzert eine Ruhe und eine Harmonie aus, die das Publikum scheinbar einfach nur glücklich machte. Gesungene Phrasen wurden aufgegriffen und fortgesponnen durch die Brüder Domenic und Curdin Janett mit Klarinette und Akkordeon. Ohne Fremdkörper zu sein, schufen sie Klanginseln ganz eigner Art. So zeigte das Konzert auf vielfältige, stets subtile Weise, dass Andersartiges integriert werden kann, ohne das Eigene dabei aufzugeben.

von Anna Mika

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Vorarlberger Nachrichten

vom Montag, 13. Okt. 2014

Orgelgewitter von der Hohen Kugel

Günther Fetz und Animantica machten Hohenems zum Zentrum sakraler Musik

Hohenems Die renommierten Chor- und Orgeltage, bekannt für ihre überaus sorgsame Künstlerauswahl durch die Kuratoren Peter Amann und Christoph Wallmann, hatten am Wochenende in St. Karl besondere Leckerbissen zu bieten. Am Beginn kam man in den seltenen Genuss eines Orgelkonzertes mit Günther Fetz, Orgellegende mit internationaler Vergangenheit und Lehrmeister ganzer Generationen von Organisten. Aus Altersgründen zieht er sich langsam vom Konzertleben zurück, hat aber gezeigt, dass er auch mit 76 absolut nichts von seiner Meisterschaft, seiner musikantischen Spielfreude und Virtuosität eingebüßt hat. Auch seine Zugkraft ist ungebrochen: 150 Zuhörer sind ein Rekord für ein Orgelkonzert.

Nebel um Schloss Glopper

Fetz hat sich zuletzt mehr der Komposition zugewandt, u. a. mit seiner „Missa Lindaviensis“ für den Chor von Lindau-Aeschach, wo er Sonntag für Sonntag seinen Orgeldienst absolviert. Der Improvisation aber gilt sein besonderes Interesse, das er nun anhand von „Hohenemser Impressionen“ aus Natur und Kultur als zweiten Schwerpunkt demonstriert. In sechs Teilen lotet er mit Einfällen, die aus dem Augenblick heraus entstehen, das Klangspektrum der imposanten Gollini-Orgel bis ins Detail aus, und das alles ohne Spielhilfen beim Umregistrieren. Da wabern Nebel um Schloss Glopper, geistert ein Gespenst heulend auf der Ruine Altems. Jüdischer Synagogengesang, Schuberts „Wiegenlied“ und Sweelincks „Ballo del granduca“ für ein Renaissance-Fest im Palast stehen als thematische Ausgangspunkte für fantasievolle Verarbeitungen.

Und das Orgelgewitter am Schluss kommt direkt von der Hohen Kugel. Fetz erreicht mit diesen Improvisationen sein Publikum auf begeisternde Art, in nachvollziehbaren Lautmalereien, heiteren Einfällen und einer Tonsprache, die zwar zupackend modern ist, jedoch stets in Tonales zurückfindet. Der Kontrast zu diesen Stimmungsbildern könnte mit gestrengem Bach nicht größer sein. Stilistisch hoch kompetent und doch stark individuell geprägt rückt er der kompakten Partita „O Gott, du frommer Gott“ zu Leibe, kleidet Cembalomusik aus dem „Wohltemperierten Klavier“ in ungewohnt freche Farben und setzt mit der populären Toccata und Fuge d-Moll noch ein mächtiges Klangmonument drauf.

Tags darauf bildet der prächtige geschnitzte Renaissancealtar von 1580 in der Pfarrkirche die optische Entsprechung zur Entstehungszeit eines Konzertprogramms mit Werken aus dem alten Venedig. Das Ensemble „Animantica“ aus Bologna macht bei seinem Debut diese frühen, zerbrechlichen Klänge aus dem 17. und 18. Jahrhundert authentisch, auf subtile Weise, mit höchster Präzision und dynamisch-beweglichem Ansatz lebendig. So wie kürzlich in St. Corneli, fügt sich auch hier das viel später erfundene Akkordeon ideal zu drei Streichern und Cembalo. Mit Giorgio Dellarole ist ein feinfühliger Virtuose am Werk, dessen Duos von Castello und Vivaldi mit dem überragenden Konzertmeister Alessandro Tampieri zu den Highlights des Abends gehören.

Ein vokales Glanzlicht

Der in Lochau lebende und an der Tonart-Musikschule lehrende Countertenor Michele Andalò sorgt für ein vokales Glanzlicht. In der Motette „A rupe alpestri“ von Galuppi setzt er seine farbenreiche Stimme mit kraftvoller Attacke, großer Emotion und leichtgängigen Koloraturen ein Szene. Die Sopranistin Lucia Schwarz dagegen bleibt mit ihren sängerischen Qualitäten deutlich unter dem hohen ästhetischen und spieltechnischen Anspruch dieses Abends. Auch diesmal ist der Besuch überdurchschnittlich und die Begeisterung groß.

von Fritz Jurmann

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Kulturzeitschrift

vom Montag, 13. Okt. 2014

Ein maßgeschneidertes Konzert

Günther Fetz brachte die Gollini-Orgel zum Strahlen und zeigte seinen eigenen Ideenreichtum auf

Die 24. Hohenemser Chor- und Orgeltage in der Pfarrkirche St. Karl eröffnete Günther Fetz mit einem individuell zugeschnittenen Konzert. Im Zentrum standen frühe Werke von Johann Sebastian Bach und eine Improvisation über Motive aus Hohenems. Mit seiner Spielart und der Registrierung der einzelnen Werke legte Günther Fetz viel Wert darauf, den Varianten- und Klangfarbenreichtum der Orgel gebührend in Szene zu setzen. Auf seine Weise präsentierte er das bewundernswert klangschöne und gut abgerundete Instrument mit einer vielgestaltigen Palette an Ausdrucksmitteln.

Bereits in der Partite diverse sopra „O Gott, du frommer Gott“, BWV 767 kam das Ansinnen von Günther Fetz zur Geltung. In vielfältigen Variationen und Themengestalten über dem Choralthema stellte er die thematisch-motivischen Gedanken transparent dar. Motivische Korrespondenzen, Echowirkungen sowie imitatorische Muster erklangen in einem gut ausgeloteten Spannungsbogen zueinander.

Mit einem fast ungestümen Tempo breitete Günther Fetz die Klangflächen im Präludium und Fuge in c-Moll (BWV 847) aus und stellte auch die unterschiedlichen Charaktere zwischen diesem Werk und dem Präludium und Fuge in G-Dur (BWV 884) ausdrucksstark dar. Schön nachzuvollziehen waren in den Werkdeutungen die Tonartenpläne und das vielseitige Figurenwerk.

Seine individuelle Sichtweise auf die berühmte d-Moll Toccata (BWV 565) stellte Günther Fetz anschließend dar. Auch dieses Werk spielte er mit einem zügigen Grundtempo. Besonders die Raumperspektiven zwischen den Hauptmotiven und Spielfiguren im Klangvorder- bzw. –hintergrund verliehen der Werkdeutung Profil und eine monumentale Steigerung, die zum Schluss hin opulent zum Höhepunkt geführt wurde.

Hohenems akustisch erlebt

Die für die Hohenemser Chor- und Orgeltage 2014 maßgeschneiderte Improvisation namens „Hohenemser Impressionen“ machte deutlich, wie intensiv sich Günther Fetz mit der Gollini-Orgel auseinandergesetzt hat. So stellte er ein gut nachvollziehbares, in vielen Klangschattierungen schillerndes Tongemälde in den Kirchenraum, das die zahlreichen Konzertbesucher in eigene Phantasiebilder übersetzen konnten. Tiefe Register und Schwebungen, stehende Flächen und eine allmählich sich herausschälende melodische Floskel zeigten auf wie „Die Nebenschwaden um Schloss Glopper der Morgensonne weichen“. Der eindrücklichste Abschnitt war dem „Jüdischen Synagogengesang“ gewidmet. Eine punktierte Linie formte sich allmählich zu einem jiddischen Lied, das in verschiedenen Klangfarben und Tonarten zitiert erklang, bevor es von einer Klangwand zugedeckt wurde. Aus tiefen Lagen aufsteigend formte sich die Melodie am Schluss noch einmal heraus.

Schreitrhythmen gespielt mit Trompeten, Oboen und Zink führten dann in die Zeit der Renaissance und imaginierten ein Fest im Palast. „Das Gespenst auf der Ruine Altems“ zeigte die humoristische Ader des Organisten auf, denn die spielerische Freude am musikalischen Gestalten herumschwirrender Gespenster ließ viele Zuhörende schmunzeln. Schubert wurde mit einem Wiegenlied die Referenz erwiesen, bevor ein richtiges „Kuglaweatter“ nieder ging und eine Abendstimmung am Alten Rhein zu erleben war. Ein prachtvoller, stehender Durklang verlieh der Improvisation und dem Orgelabend einen strahlenden Abschluss.

von Silvia Thurner

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 16. Okt. 2012

Vorreiterrolle für neue Musik erfüllt

Chor- und Orgeltage fanden mit mehr Besuchern denn je den hinreißenden Abschluss

Hohenems Die Chor- und Orgeltage nehmen im heimischen Konzertleben zunehmend eine Vorreiterrolle für Neue Musik ein, ohne dass ihnen dabei das Publikum abhanden käme. Im Gegenteil: Die 22. Ausgabe dieses kleinen Festivals am Wochenende verzeichnete mehr Besucher denn je. Nach einem Orgelkonzert, in dem mutig avantgardistische Orgelmusik direkt neben Barockem stand, und einem Kammerkonzert, in dem mit Lichtinstallationen neue Möglichkeiten erschlossen wurden, bildete das Chorkonzert am Sonntag einen besonderen Glanzpunkt. Man hatte sich entschlossen, nach seinem Erfolg 2007 mit Bach-Kantaten das "ensemble cantissimo" aus Konstanz nochmals einzuladen, diesmal mit Vokalmusik pur. Eine glückliche Wahl, denn man hat selten einmal hierzulande Besseres an A-cappella- Chormusik vernommen. Auch diesmal steht das 20. Jahrhundert mit seiner Chormusik im Vordergrund, zentral eine "Missa pacis", eine Friedensmesse, die der so ideenreiche wie kompetente Leiter Markus Utz mit Vertonungen des Mess-Ordinariums durch Epoche-prägende europäische Komponisten zusammengestellt hat.

Kraft und Ausdrucksfähigkeit

Sie erzählen von der Geschichte des Kontinents während der beiden Weltkriege, dem Leid und der Hoffnung, den nationalen Eigenheiten. Und dennoch fügt sich alles in Stil und Ausdruck wie von selbst zu wunderbarer Einheit: Das tief religiöse doppelchörige Kyrie des Schweizers Frank Martin, das aufbrechende Gloria des Franzosen Francis Poulenc, die berührenden Teile Credo, Sanctus und Benedictus für Soloquartett und Doppelchor nach altenglischen Vorlagen des Briten Ralph Vaughn-Wil- liams, das schlicht dreistimmige Agnus des Schweden Lars-Erik Larsson. Chorleiter Markus Utz formt in intensiv beschwörender Weise die 24 professionell ausgebildeten Stimmen zu meditativ schwebenden oder bestürzend bedrohlichen Klängen, stellt vor allem die spirituelle Kraft dieser Messe in den Vordergrund, getragen von größtmöglicher Klangkultur, Kraft und Ausdrucksfähigkeit. Eingerahmt wird dieser glänzende Programmschwerpunkt durch den deutschen Organisten Gerhard Weinberger (64), der sich an der Gollini-Orgel mit einem in Technik, Übersicht und Klarheit brillant gemeisterten Präludium und Fuge D-Dur als Bach-Kapazität erweist. Thierry Escaichs fünf Versetten über die Ostersequenz zeigen dann in streng aufrauschenden Klangkaskaden imponierend Weinbergers unverblümt packenden Zugang zur neuen Orgelmusik. Im abschließenden Skandinavien Block gelingt dem "ensemble cantissimo" noch das Nonplusultra: In solch absoluter Reinheit, Homogenität und Verinnerlichung, wie Griegs todtrauriger "Frühling" aus dem summenden Nichts herauswächst und bald wieder verblüht, dürfte dieser Chor unübertroffen sein.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Nachrichten

vom Montag, 11. Okt. 2010

Zwei an der Orgelbank

Hohenems Die Orgel ist grundsätzlich für einen Spieler gebaut. Wenn sich zwei Musiker vierhändig (und natürlich auch vierfüßig) an dieses Instrument wagen wie bei den 20. Chor- und Orgeltagen in St. Karl in Hohenems, dann ist das zunächst einmal, in der drangvollen Enge der Orgelbank, eine artistische Leistung. Dass dieser Abend aber auch zu einem künstlerischen Ereignis wurde, verdankte man der Spielfreude und Musikalität, dem wachen Geist und der Anpassungsfähigkeit des Dornbirner Organisten Rudolf Berchtel und seines Partners, des in Bozen tätigen Schweizer Benediktinerpaters Arno Hagmann.

Markante Eckpunkte

Die beiden hatten mit Reinhard Jaud denselben Lehrer, auch sonst verbindet sie eine lange Künstlerfreundschaft. Unabdingbare Voraussetzungen für ein solch gewagtes Unterfangen wie einen vier- händigen Orgelabend von enormer stilistischer und formaler Vielfalt, zwischen 16. und 20. Jahrhundert, freier Fantasie und streng barocker Fuge mit vielen Entdeckungen kaum bekannter Werke und Komponisten. Die beiden Musiker setzen drei markante Eckpunkte im Programm, bei denen sie das in der Kirchenakustik wunderbar tragende Pleno der Gollini-Orgel voll auskosten und zum Leuchten bringen. Aus der Romantik eine Festintrada, von Wilhelm Volckmar mit viel Chromatik ausgestattet, und eine mächtige Orgel-Fantasie mit Fuge von Carl Filitz, dazu als Schlusspunkt mit dem Finale aus der Sonate à deux von Gaston Litaize ein in kühnen Akkorden schwelgendes Stück französischer Orgelmusik des 20. Jahrhunderts.

Gemeinsamer Atem

Dazwischen kommt viel Filigranes zu Wort: ein verspieltes Flötenuhr-Adagio von Beethoven, fast kindlich anmutende Duette des Engländers Wesley, ausgeklügelte Registermischungen in den Variationen des Dänen Gade über Bachs Choral "Sei gegrüßet, Jesu gütig" (übrigens die einzige Bearbeitung im Programm). Alles gelingt aus einem gemeinsamen Atem heraus und auf hohem technischem Niveau, in vielstimmiger klanglicher Dichte und doch von bestechender Transparenz. Die zahlreichen Zuhörer samt Organistenkollegen aus dem Land feiern das Orgelduo.

von Fritz Jurmann

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Vorarlberger Nachrichten

vom Dienstag, 13. Okt. 2009

Da wird um die Wette gespielt

Die Hohenemser Chor- und Orgeltage überzeugten heuer auf allen Linien.

Hohenems Die sorgfältig programmierten Chor- und Orgeltage haben am Wochenende mit ihrer 19. Ausgabe eindrucksvolle Ergebnisse erzielt. Drei Konzerte brachten neue Einsichten und Ereignisse für eine größer werdende Zahl von Freunden dieses kleinen Festivals mit der Gollini-Orgel im Zentrum.

Nach einem komplexen Bach-Abend mit dem Wiener Organisten Roman Summereder machten Domorganist Johannes Hämmerle und erstmals Markus Pferscher mit seiner "tonart"-Sinfonietta deutlich, welch aufregende Dinge man mit einer Orgel und einem Streichorchester anstellen kann. Da geht es nicht nur um barocke Begleitung, da wird um die Wette gespielt, kommt es auch zu Konfrontationen und Verflechtungen, bei denen die großräumige Akustik der Pfarrkirche St. Karl behutsam berücksichtigt, aber auch effektvoll genutzt wird. So gleich am Beginn mit dem spätromantischen "Grand Choeur Dialogué" von Eugène Gigout, einer mächtigen Zwiesprache zwischen Orchester im Altarraum und Orgel.

Orchesterarbeit

Markus Pferscher, Leiter der Musikschule Mittleres Rheintal, gründete die Sinfonietta als oberste Stufe seiner Orchestererziehungsarbeit 2005 zur Eröffnung des Markus-Sittikus-Saales. Fortgeschrittene Musikschüler und Pädagogen finden sich seither projektbezogen zusammen, mit einem Ergebnis, das sich in punkto Technik und Ausgewogenheit inzwischen auch auf Konzertreisen durchaus hören lassen konnte. Der selbst noch junge Dirigent gibt den Musikern in seiner kompetent unaufgeregten Art, oft auch nur mit einem Lächeln, das Gefühl absoluter Sicherheit. So wird auch ein Orgelkonzert von Händel zum scheinbar lockeren Spaziergang mit einem überlegen virtuos gestaltenden Johannes Hämmerle. Dieser beweist dann faszinierende Größe bei Bach, indem er die strenge Architektur des a-Moll-Präludiums in der folgenden Fuge tänzerisch abmildert. Das kompakt gebaute Orgelkonzert (1993) des St. Gallers Paul Huber als österreichische Erstaufführung hinterlässt in seiner aufgeraut sakralen Tonsprache wohl den stärksten Eindruck.

Vocale Neuburg

Ein Werk des 20. Jahrhunderts, die "Son of God Mass" des Engländers James Whitbourn, dominiert auch das Chorkonzert am Sonntag mit dem renommierten Kammerchor "Vocale Neuburg", der sein Antreten zu einem imponierenden Leistungsbeweis nutzt. Die neunteilige Messe ist mit Elementen der Jazz- und Popularmusik auf raffinierte Art für den Zuhörer leicht verständlich gehalten, stellt aber die Interpreten vor hohe Anforderungen. Ostinate offene Bassquinten bilden ein Fundament, über dem bis zu sechsstimmige Akkorde jazzig von einem Sopransaxophon (inspiriert: Martin Franz) umrankt und von zupackend farbigen Orgelklängen (souverän: Bernhard Loss) kontrastiert werden. Oskar Egle formt in seiner beschwörend intensiven Art die Stimmen zu meditativ schwebenden oder bestürzend bedrohlichen Klängen, stellt vor allem die spirituelle Kraft dieses Werkes in den Mittelpunkt. Alle guten Eigenschaften der Wiedergabe romantischer Acapella-Chormusik zeigt "Vocale Neuburg" in seinem typischen Sound davor anhand von Mendelssohn-Motetten: Klarheit, weite Spannungsbögen, makellose Intonation. Und kann am Ende die Standing Ovations einer vollbesetzten Kirche für sich verbuchen.

Hörfunkwiedergabe des Konzertes mit der Vocale Neuburg am 6. Jänner 2010, 20.15 Uhr in Radio Vorarlberg.

von Fritz Jurmann

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